PLURALE. Zeitschrift für Denkversionen
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Das PLURALE-Cover ist Fotografie einer Fotografie. Und diese fotografierte Fotografie wiederum, ein altmodisches Schwarzweißbild, zeigt einen Mann und eine Frau, ein Paar, das sich einander zuwendet und berührt. Die Szene hat nicht unbedingt etwas Alltägliches an sich, sogar etwas Festliches, wenn man die Kleidung der beiden betrachtet: Zirkuskostüme vielleicht. Das Gesicht des Mannes ist im Profil sichtbar, das Gesicht der Frau gar nicht, denn anstelle des Kopfes befindet sich eine Ausstanzung:

Das Gesicht wurde wohl ausgeschnitten, vielleicht, um es als Erinnerung als etwas Besonderes an einem anderen Ort aufzu-bewahren. Vielleicht in einer Brosche, ähnlich der, die die Frau an einer Kette in ihrem Ausschnitt trägt. Auf dem Bild ist Zuwendung und halbe Abwendung zu sehen. Der Mann wendet sich der Frau zu, aber vom Betrachter ab, die Frau wendet sich dem Betrachter zu und dreht sich von ihrem Partner halb weg. Vielleicht gibt es Blickkontakt zwischen den beiden. Das ist nicht nachprüfbar, denn ein Augenpaar fehlt. Wir sehen, dass die kopflose Frau die Hand, eine gespannte Handfläche mit gespreizten Fingern, in einer fast theatralischen und damit wiederum gar nicht alltäglichen Geste zum Gesicht des Mannes hebt. Die Unwägbarkeit der Verbindung zwischen den Protagonisten dieser Szene, die nach der einen wie der anderen Seite kippen und interpretiert werden kann, wird noch betont durch die Krümmungsachse des Bildes, die sich mit der Blickachse des Mannes kreuzt. Das Bild an sich zeigt nichts Alltägliches, aber es ist als Bild selbst nicht mehr brauchbar. Es erfüllt nicht mehr die Funktion eines Bildes, das man einklebt oder an die Wand pinnt, es ist ein Rest. Das Loch eines Nadeleinstichs am oberen Fotorand ist noch zu sehen, ebenso die feinen Papierfasern, die vom Ausschneiden des Gesichts als haarige Ausfransung übriggeblieben sind.
Das, was noch die Funktion eines Bildes erfüllen soll, das Gesicht der Frau, ist fort. Wie ihr Gesicht aussieht, wissen wir nicht, auch nicht, wo sich der Ausschnitt befindet und wozu er ausgeschnitten wurde. Das Gesicht ist exklusiv und damit gerade das, was dem Alltag fehlt. Das Foto selbst befindet sich am Rand des Covers und wellt sich, wie etwas, das man nach Gebrauch zur Seite gelegt und dann vergessen hat. Die Aussparung zeigt uns vor allem, dass etwas fehlt. Was genau fehlt, wissen wir nicht, genaue Informationen gibt es nicht. Die ausgeschnittene Stelle zeigt uns die Informationslücke. Auch der Schatten, den das wellig gewordene Foto wirft, hält etwas im Verborgenen und zeigt uns lediglich, dass wir über den Raum hinter der Wölbung des Fotos nichts wissen. Was wir als Fotografie sehen, ist ein Rest, der in seinen einzelnen Schichten auch den Zerfall zeigt, dem Reste ausgeliefert sind. Alltag hat an sich, dass vieles unvollendet bleibt, Handlungen nicht zu Ende geführt werden können, Information lückenhaft und ausschnitthaft bleibt, Zusammenhangloses eine zufällige Information ergibt, Vorgefundenes gedeutet und sinnhaft gemacht werden muss. Fäden, die sich nicht unbedingt zu einer Textur, einem Text verarbeiten lassen. Fehlende Kontinuität einerseits, aufdringliche Präsenz andererseits, viele Möglichkeiten, alle nur angerissen.

Alltag ist kontinuierlich defekte Information. Oder umgekehrt: fortgesetzt bruchstückhafte Information ist alltäglich. Die fotografierte Ausstanzung wiederholt sich in der materialen Realität des Zeitschriftenumschlags: Anselmo Fox hat aus jedem einzelnen Titelbild eine runde Stelle ausgestanzt, die dem Durchmesser der fotografierten elliptischen Aussparung entspricht. Zwei papierne Löcher, zwei Lücken, eine optisch erfahrbar, die andere auch haptisch. Das ausgestanzte Rund ist aber nicht verloren, sondern findet sich auf der letzten Seite des Heftes wieder: Dort ist eine Papiertasche eingeklebt, die die Ausstanzung enthält, gerade so, wie man Reste, die man vielleicht noch einmal brauchen kann, verpackt und verwahrt. Legte man sämtliche 300 Ausstanzungen nebeneinander, so unterscheiden sie sich nicht oder kaum. 300 graue Kreise, vielleicht austauschbar. Der Ort, an dem sie jedoch auf der Titelseite ausgestanzt wurden, ist nie gleich. Und noch etwas macht die Ausstanzung und damit auch jedes einzelne Heft unikal - und damit unwiderstehlich nicht-alltäglich: Die papiernen Kreise sind nummeriert und signiert, so dass diesmal die Plurale-Auflage eine eigene Dimension erhält. Der ausgeschnittene Teil des Heftdeckels ist somit nicht abhanden, ist aber nicht am Platze. Wir finden ihn deplaziert, in einem anderen Kontext. Mit Ortsverschiebung von Dingen, die an einem anderen Ort plötzlich in anderem Licht erscheinen, wurde schon Kunst und Kunsttheorie betrieben. Mit Verschieben von Dingen im Alltag wird entweder Ordnung zerstört, dann, wenn etwas aus den Fugen gerät, oder Ordnung geschaffen, dann, wenn etwas aufgeräumt wird. Das exklusive Rund in seiner sorgfältig gefalteten, transparenten Papiertasche am Ende des Heftes verrät uns nichts. Die fehlende Information der Titelseite ist wieder nur grau, Farbe des Alltags, die als Farbe physikalisch aber alle möglichen Farben in sich vereint, alles möglich macht, und doch so unspektakulär daherkommt. Anselmo Fox ist Bildhauer. So wenig tief der Papierraum auch sein mag, den er hier aussticht vom - immerhin wieder 340 Seiten starken - Plurale-Körper, was auf der letzten Seite des Heftes aufbewahrt wird in einer Papiertasche, die wiederum einen Raum umfaltet, ist die ausgestanzte Stelle der Titelseite, ist eine kleine runde Papierskulptur in Grau. Der Rest vom Rest, der sich, auch das mag etwas Alltägliches sein, an einem anderen Ort befindet. Oder das Exklusive, das Fest, das Kunst auch sein soll.