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Lustgewinn durch Sinnverlust: Der
„Geist des Buchstabens“
oder Das kleine a im Graffiti von Seak Patrick Brunken (Berlin)
[Leicht
modifizierte Fassung des Originalartikels aus: PLURALE 5 (2005) - Gewinn, 16–49.]
Die Schrift besteht aus Buchstaben, schön und gut. Aber woraus bestehen die Buchstaben? Roland Barthes: Der Geist des Buchstabens Für wieviele Spiele war der Buchstabe Ausgangspunkt, seit die Menschheit schreibt? Roland Barthes: Erté oder An den Buchstaben Ich werde also von einem Buchstaben sprechen. Von dem ersten, wenn man dem Alphabet und den meisten Spekulationen, die darüber gewagt wurden, glauben darf. Jacques Derrida: Die différance ![]() Abb. 1: Kleines a,
CAD-Studie 2004
Seit der Graffiti-Künstler Seak (sprich [si:ek]) das kleine a vor Jahren aus dem zusammenhängenden Schriftzug seines ‚Namens’ herauslöste, ist die einst von Roland Barthes aufgeworfene Frage der „Her-kunft und Zu-kunft des Buchstabens (woher er kommt, wohin er unermüdlich unterwegs ist)“ ungeklärter denn je.[1] Das kleine a nimmt bei Seak seit nunmehr zwölf Jahren zahllose Formen in verschiedenen Materialien an, ohne dass bereits ein Ende dieses Gestaltungsprozesses, d.h. eine endgültige Gestalt, abzusehen wäre. Immer wieder wird das a von Seak so ‚geschrieben’, ‚gemalt’ oder ‚gesprüht’ (vielsagend synonyme Bezeichnungen aus dem Graffiti-Jargon), dass man den Buchstaben in seiner Bildlichkeit längst nicht mehr als solchen erkennt, ganz gleich, ob man ihn in der Landschaft antrifft – z.B. auf einer Wand, oder einem Gebäude –, in einem Black Book (dem obligatorischen Skizzenbuch der Writer, wie sich die Graffitiakteure selbst nennen), als Design auf limitierter Marken-Sportswear, als Skulptur, oder auf Leinwand in einer Galerie. Trotz dieser Mannigfaltigkeit bleibt der Buchstabe der Dreh- und Angelpunkt, die Konstante in der Graffitikunst von Seak. Der Buchstabe wird hier unübersehbar zum Gegenstand und Thema einer eigenen Ästhetik. In diesem Essay soll mit dieser radikal
spezialisierten Kunst von Seak und Barthes’ Ansichten von der
ästhetischen Funktion der Buchstaben jenseits ihrer Signifikanz,
die buchstabenfixierte Ästhetik als ein für Graffiti
charakteristischer Aspekt vorgestellt werden (mit
‚Graffiti’ ist hier ausdrücklich das ca. Ende
der 60er Jahre in New York City erstmals spezifisch und formiert
auftretende Graffiti-Writing
gemeint, nicht zu verwechseln z.B. mit
politischen Wandmalereien, Parolen, oder Klosprüchen, die oft auch
als „Graffiti“ bezeichnet werden, aber in fast jeder
Hinsicht ganz anders funktionieren). Außerdem wird es darum
gehen, wie sich den durch Graffiti im Wortsinne bedeutungslos
gewordenen Buchstaben neue Effekte und Affekte abgewinnen lassen.
In den verschiedenen Stadien und Materialien der nicht enden wollenden Genese und Mutation des kleinen a von Seak wird zugleich auch die Spannbreite des ästhetischen Diskurses von Graffiti abgebildet. Dieses elaborierte Writing hat kaum noch etwas mit den Tags, bzw. dem Tagging gemein, dessen charakteristische Performativität Simon Strick in der letzten Ausgabe der Plurale beschrieben hat.[2] Trotz einer allgemein gültigen Buchstabenästhetik, kennt das Graffiti-Writing also ganz verschiedene Écritures mit jeweils sehr unterschiedlichen diskursiven Praktiken. Ich werde mich hier auf die Beschreibung des
aufwändigen, hauptsächlich als Wandbild realisierten (Master-)Piece
konzentrieren, noch genauer auf einen konkreten Style – den Wild Style –, der von Craig
Castleman sehr pragmatisch definiert wird
als „a name
used to describe almost any ‚unreadable’ style“.[3]
Der Wild Style bildet
mit den ihm eigenen Aspekten seiner Rezeptions- und Produktionsweise
gegenüber dem Tag sozusagen
den äußersten anderen Pol des Writing.
Dieser tendenziell unlesbare Graffiti-Style
bietet sich auch deswegen
besonders zur näheren Betrachtung an, da sich hier am klarsten jene
wesentliche formalästhetische Dominante zeigt, die für Graffiti
insgesamt charakteristisch ist; eines zwischen ‚Schreiben’ und ‚Malen’
angesiedelten Writing, das
sich einer exzessiven, materialen Ästhetik
eines darüber hinaus sinnleeren Signifikanten ver-schreibt.
In einem theoretischen Vorlauf werde ich dieses
Konzept einer Buchstabenästhetik beschreiben, das bei der bisherigen
akademischen Behandlung des Phänomens praktisch noch keine Rolle
gespielt hat – obwohl sie möglicherweise das wesentliche
Charakteristikum des Graffiti-Writing
und seiner verschiedenen Écritures
darstellt. Mit
Roland Barthes werde ich darin den „Geist des
Buchstabens“ entdecken und zum Schluss die diesem Konzept verbundene
Arbeit von Seak im Detail vorstellen.
(Re-)Theoretisieren des leeren Signifikanten Bevor ich mich dem Graffiti-Writing mit poststrukturalistischen Theorieansätzen nähern werde, die vom Buchstaben, also vom selben ‚Material’ her argumentieren, will ich hier kurz einige der herrschenden, sozio-kulturell vorgeprägten Perspektiven skizzieren, mit denen über das Phänomen gesprochen (und geurteilt) wird. Nicht zuletzt jene weit ausholenden ‚top-down’-Perspektiven auf Graffiti mögen bewirkt haben, dass es sich einem konstruktiven Zugriff durch den akademischen Diskurs bisher hartnäckig entzogen hat. So verliert sich der theoretische Diskurs über
Graffiti im deutschsprachigen Raum in einigen marginalen,
semio-anthropologisch unterfütterten Einzelansätzen, deren Projekt eher
die Katalogisierung und Institutionalisierung von Zeichen, denn ihre
Analyse zu sein scheint. Ihnen ist trotz der jeweiligen Idiome gemein,
dass sie in einem affirmativen Rundumschlag in sämtlichen Wandmalereien
– von der Höhlenmalerei über politische Parolen und Latrinenprosa, bis
hin zu den Tags und Pieces des Writing, um das es hier geht –
einem
urmenschlichen, existenziellen Ausdruck von Individualität nachspüren
(Stichwort: „I was here“). Norbert Siegl vom Wiener „Institut für
Graffiti Forschung (ifg)“ etwa definiert sein „Kulturphänomen Graffiti“
als „dieses uralte Zeichen- und Schriftsystem, das man bis in die
Antike und in die Steinzeit zurückverfolgen kann“ und sammelt unter
diesem Aspekt in seiner von zahlreichen Editionen, Konferenzen und
Workshops gerahmten Dokumentationsarbeit verstärkt auch Bilder und
Zeichen aus dem ‚Wachstumsbereich’ der modernen „Variante des
graffiti-writings der Sprayer“.[4]
Solche
Verallgemeinerungen tragen
insgesamt jedoch eher wenig zu einer differenzierten Analyse der
jeweils sehr speziellen und meist deutlich komplexeren Phänomene bei.
Der Kunsttheoretiker und -kritiker Bazon Brock
beschrieb seinerseits das Writing,
das „moderne Graffiti“, mit für ihn
ungewöhnlichem Kulturpessimismus als „Menetekel“, das mit anonymen,
auslöschenden und „unverständlichen Schriftzeichen“ die antike Geste
einer „Damnatio memoriae“ wiederhole.[5] Paradoxerweise, so
Brock,
provoziere ausgerechnet diese asoziale Geste eine „Avantgarde des
sozialen Verhaltens“, die die verschreckten Graffiti-Unkundigen zur
Rückkehr auf Bekanntes und damit zu einer potenziell produktiven
„Selbstkonfrontation“ zwinge. Zwar ist Graffiti für Brock somit in der
Wirkung durchaus der modernen Avantgarde vergleichbar, aber das soll
hier nicht viel heißen – schließlich haben „Vermummte“ und „Radaubrüder
etc.“ denselben avantgardistischen Effekt: „Denken sie daran, wenn Sie
die nächsten Graffiti sehen, die nächsten Vermummten, die nächsten
Radaubrüder etc.: denken Sie daran, was Sie denen an
Selbstkonfrontation verdanken“.[6]
Doch während der aus der ewigen, über alles
erhabenen Perspektive der deutschen Kunstgeschichte Urteilende zu
Bedenken gibt, dass
die Graffiti „in einigen hundert Jahren kein Gegenstand von
Kunstinteresse sein [werden]“,[7]
entdeckt die
französische Encyclopédie
philosophique universelle darin „eine der wenigen neuen
Kunstformen“.[8]
Dieser wesentlich andere, vehement affirmative Zugang mag nicht zuletzt
daher kommen, dass man sich dem Phänomen hier unter dem Stichwort der
„écriture“ nähert, einem komplexen und stets etwas vage gebliebenem
Konzept, das einer anti-hermeneutischen französischen Literaturtheorie
zeitweise als Bedingung der Möglichkeit kreativer Innovation gedient
hat – bei gleichzeitiger Abkehr vom psychologischen Autorsubjekt und
dem damit verbundenen Werkbegriff. Allein bei Barthes ist der Begriff
innerhalb seiner prominent mit der Écriture
befassten Texte Le degrée
zéro de l'écriture (1953), „Écrire, verbe transitif“ (1966), „La
mort
de l'auteur“ (1968) und Le plaisir du texte (1973) voller Widersprüche.
Durchgehend betont die Écriture
aber eine Umkehr der Prioritäten an der
Schnittstelle zwischen Text, Performanz und Subjekt, d.h. wie ein Akt
des Schreibens und des Lesens dem Autor-Subjekt vorausgeht, das in der
dadurch aufgewerteten Wahrnehmung des Lesers (in der Lektüre) erst
erzeugt wird.
Aber selbst dem wenig affirmativen Text von Brock
unterliegt als ungenannte Folie einmal mehr Jean Baudrillards bereits
1975 erschienener Aufsatz „Kool Killer oder Der Aufstand der Zeichen“.
Bis heute wird der akademische Diskurs zu Graffiti praktisch solitär
durch diesen einen Artikel repräsentiert, der mittlerweile selbst in
den eher bild- als wortreichen Publikationen der Graffiti-‚Szene’ ein
Begriff ist, die dann meist seine Argumentation wiederholen. Für
Baudrillard haben Graffiti dadurch, dass sie „keinen Inhalt, keine
Botschaft haben“, sie also nichts bedeuten, selbst wieder „politische
Bedeutung“, da sie so das ganze urbane Zeichensystem mit seinen von der
Ökonomie dominierten Codes und eindeutigen Signifikaten subvertierten
(auch Baudrillard meint hier vor allem die schnell, seriell und seiner
Meinung nach mit wenig Kunstfertigkeit angebrachten Namens-Schriftzüge,
die Tags).[9]
Strick hat darauf hingewiesen, dass Baudrillard in der Schlusspointe den nachweislich „leeren Signifikanten“ von Graffiti so letztlich doch wieder zum revolutionären (Sprech-)Akt einer klar definierbaren Gruppe von Unterdrückten erklärt – hier eben der „jungen Schwarzen“ – und damit einen nicht unbedeutenden Widerspruch produziert, der für die Rezeption von Graffiti typisch geworden ist.[10] Tatsächlich entsteht so eine sinnvolle politische Botschaft, die jedoch erst von einem sich gemeint, bedroht und/oder beleidigt fühlenden (sich meist als ‚bürgerlich’ verstehendem) Individuum in die Tags hineingelesen werden muss, um zu erscheinen – sei es nun mit der Affirmation Baudrillards, dem wohlwollend enzyklopädischen Humanismus der „Graffiti Forschung“, der liberalen, aber zutiefst geschmacksbeleidigten High brow-Attitüde Brocks, oder mit einer Besitzstandslogik, die wohl für einen Großteil der Allgemeinbevölkerung angesichts dieses Phänomens urteilsleitend sein dürfte (so titelte eine anlässlich eines Street Art-Kongresses in Berlin geschaltete Zeitungsanzeige der „Liberalen“: „Rot-Rot finanziert Graffiti-Festival. Wir schützen ihr Eigentum“). „Um sowohl dem Phänomen Graffiti in seiner
alltäglichen Darstellung wie auch dessen ungebrochen schlechtem Ruf in
der Öffentlichkeit Rechnung zu tragen“, sowie den „Um- bzw.
Aufwertungen von Graffiti als Bild oder Schrift zu entgehen“, beschrieb
Strick vorrangig die performative Natur des Tagging als
körperdisziplinierendes „Geschmier“, das schon durch ein Ansehen als
Schrift missverstanden, da in einer quasi-hermeneutischen Lektüre
fälschlicherweise bedeutsam werde – z.B. als Name eines Autors.[11]
Wie
Strick lege ich großen Wert darauf, dass Signifikanz und Schrift im
Graffiti nicht zusammengehören. Bestenfalls handelt es sich hier um
einen ideologischen Nebenschauplatz, der bisher vom eigentlichen Kern
des Phänomens abgelenkt hat. Bei meiner Betrachtung des Wild Style wird
es jedoch weniger um die Performativität gehen, als um eine
hintergründige konzeptionelle Ästhetik, also letztlich gerade um das
Spiel mit den besagten ‚Um- bzw. Aufwertungen von Graffiti als Bild
oder Schrift’.
Écriture: Form, (Wild) Style Selbst wenn man das fertige Wild Style-‚Meisterstück’ (Masterpiece) auf den ersten Blick als ‚Bild’ bezeichnete, bliebe Schrift doch die Bedingung für dieses ‚Bild’ und bliebe der Betrachter von Graffiti immer auch ein Leser, der diese bildlichen Formen nach-vollzieht, um darin Spuren von Buchstaben auszumachen und unwillkürlich nach deren Verbindungen untereinander zu suchen, kurz: nach Schrift. Und warum sollte man ignorieren, dass seitens der Produktion diese neue Kunstform „das Werk von Kindern ist, die sich untereinander ‚Schreiber [écrivains]’ nennen und genau darüber verfügen, wer von ihnen ‚zu schreiben weiß und wer nicht’“?[12] Der Szeneslang benennt sehr genau die verschiedenen diskursiven Regeln des Writing, um sich von ähnlichen Diskursen wie dem „gang graffiti“[13] abzugrenzen und eine normative Poetik zu etablieren, die eine Beurteilung der technischen und konzeptionellen Ausführung regelt. Craig Castleman unterscheidet demgemäß für das Writing die drei dominanten „styles“ – den blasenförmigen „bubble style“, den „3-D letter“-Style und den “wild style“ – von den übergeordneten „basic forms [...] distinguished generally by their size, location, complexity of design, or the materials used to create them“: Tags, Throw-Ups, (Master-)Pieces, Top-To-Bottoms, End-to-Ends, Whole-Cars, Whole Trains, Messages.[14] Diese Liste von an der Produktionspraxis orientierten Graffiti-Formen ließe sich noch deutlich verlängern, etwa durch Scratching, Bombing usw. Die Königsdisziplin für die meisten Betrachter
dürfte jedoch das (Master-)Piece
sein; dieser „Form“ wird in den
Graffiti-Magazinen und in den verstärkt veröffentlichten Bildbänden die
meiste Bildstrecke eingeräumt – sicher nicht zuletzt, weil sich daran
eine wiedererkennbare, traditionelle und kommerzialisierbare
Autor-Funktion heften lässt. Auch in zahlreichen Interviews mit den
Malern/Writern entspinnt sich
ein eloquenter Diskurs über
gestalterische und konzeptuelle Fähigkeiten (Skills und Style), der
sich offen der Motive und Mythen des klassischen Kunstdiskurses bedient
und auch überraschend eindeutig über die traditionelle Autor-Funktion
des Künstlers geregelt wird. Mitunter kann das so skurrile Formen
annehmen wie in dem Hochglanzbildband Autograf:
New York City’s
Graffiti Writers, in dem meist vermummte, oder unkenntlich
gemachte Tagger auf Fotos
posieren, die sie mit ihrem Tag
‚signiert’ haben; ein
Staralbum, das repräsentieren soll – und zwar „all of the gritty glory
and glamour of the graffiti world and its warriors“.[15]
Im Wild Style,
der die Schrift bis zur Unleserlichkeit verkompliziert, geht es anders
als in den anderen Formen des Writing
kaum noch um den seriellen, performativen Schreib-Akt, oder darum,
unter welchen Herausforderungen das Piece
auf einem technisch schwierigem, oder schwierig zugänglichem Untergrund
(etwa einem Zug) angebracht wurde. Vielmehr legt es dieser Style durch seinen
hochkonzeptionellen, primär auf die ästhetische Idee von Graffiti
konzentrierten Anspruch und seine starke Autor-Funktion geradezu darauf
an, eine anerkannte eigene Kunstform (etwa ‚Graffiti Art’) zu definieren und
eher durch ‚Qualität’ als durch ‚Quantität’ (wie bei den Tags) eine breitere Öffentlichkeit
zu adressieren, wodurch die Grenzen von Straße und Galerie, privatem Black Book und weltweit
publizierter Hochglanzmonographie verwischen. Seit jeher steht der Wild Style daher im Verdacht, am
ehesten für den Sellout, den
kommerziellen ‚Ausverkauf’ von Graffiti anfällig zu sein und darüber
das Getting up, das anonyme
und illegale Sprühen und Taggen auf der Straße, als eigentlichem,
ursprünglichem Element der Szeneidentität zu vernachlässigen. Doch
dürfte nach mittlerweile knapp drei Jahrzehnten Graffiti – und einer
ebenso langen Tradition des Sellout
– klar geworden sein, dass es eine spezifische und wiedererkennbare
Graffiti-Ästhetik gibt, die von diesen Fragen völlig unberührt bleibt.
Der „Geist des Buchstabens“ – Spiel zwischen Bild & Schrift Anfang der 70er plädiert Roland Barthes in zwei seiner etwas weniger häufig zitierten Essays für die Wahrnehmung einer selbstgenügsam-visuellen, rein formal-materiellen Qualität von Schrift und ihre Befreiung von der Zweitrangigkeit gegenüber dem kommunikativen Inhalt der gesprochenen Sprache: „Die Her-kunft und Zu-kunft des Buchstabens (woher er kommt und wohin er endlos, unermüdlich, unterwegs ist) sind unabhängig vom Phonem“.[16] Der Weg für solch ein Bewusstsein für die Trennung von Sprache und Schrift wurde u.a. von der von Jacques Derrida in der Grammatologie (1967) formulierten Kritik am ‚Phonologozentrismus’ geebnet. So wie es sich bei Barthes’ „Der Geist des
Buchstabens“ (1970) nur vordergründig um die Rezension einer
Enzyklopädie der Schriftkunst handelt (Robert Massins La lettre et
l’image), ist „Erté oder An den Buchstaben“ (1973) viel mehr als
nur
ein Katalogtext zum Jugendstil-Alphabet des Typographen, bzw.
Schriftkünstlers Erté, nämlich der Versuch der (Re-) Formulierung einer
eigenen Ästhetik und Poetik des einzelnen Buchstabens abzüglich seiner
herkömmlichen Funktion als Bedeutungsträger, d.h. als ein Signifikant
unter vielen in einer endlosen Kette von Signifikanten und Bedeutungen:
Durch seine
poetische Arbeit macht Erté aus
jedem
unserer abendländischen Buchstaben ein Ideogramm, das heißt einen
Schriftzug, der sich selbst genügt, er verabschiedet das Wort: Wer
hätte Lust, mit den Buchstaben Ertés ein Wort zu schreiben? [...] Das
einzige Wort, das einzige Syntagma, das Erté mit seinen Buchstaben
zusammengestellt hat, ist sein eigener Name, das heißt wieder zwei
Buchstaben. [...] Der Buchstabe Ertés ist eine Behauptung [...], sie
wird zeitlich vor dem Prekären
des Wortes aufgestellt (das von
Kombination zu Kombination zerfällt): Alleinstehend, strebt er nicht
auf seine Brüder (entlang des Satzes) zu, sondern auf die endlose
Metapher seiner individuellen Form: Er schlägt einen zutiefst
poetischen Weg ein, der nicht zum Diskurs, zum logos, zur (immer
syntagmatischen) ratio führt,
sondern zum grenzenlosen Symbol. Darin
liegt die Macht des Alphabets: im Wiederfinden einer Art Naturzustand
des Buchstabens. Denn der einzelne Buchstabe ist unschuldig. Die Schuld
beginnt, sobald man Buchstaben aneinanderreiht,
um Wörter aus ihnen zu
machen (gibt es etwa ein besseres Mittel, dem Diskurs des anderen ein
Ende zu setzen, als das Wort auseinanderzunehmen und auf den
Urbuchstaben zurückzuführen, wie dies in der volkstümlichen Redensart
deutlich gesagt wird: n, i, ni,
c’est fini?).[17]
Barthes sucht das Charakteristikum der Buchstaben,
das, woraus diese besonderen Zeichen letztlich bestehen, nicht in ihrem
allzu offensichtlichen Ursprungszweck (wie es etwa die
Kulturanthropologie tut – gerade auch im Hinblick auf Graffiti),
sondern mit Blick auf einen spezifischen, beim Lesen zwangsläufig
übersehenen, ‚prekären’ Status, der zunächst weder Bild noch Schrift
ist, sondern eine „fortschreitende Konzeptualisierung des Dazwischen
[...], der fluktuierenden Beziehung, deren Verankerung wir immer auf
irreführende Weise festlegen“ – einen Prozess, der sich nicht durch die
Betrachtung einer Signifikantenkette erschließt, da er wie die Linie in
den „ideographischen Kulturen [...] zwischen Schrift und Malerei liegt,
ohne dass sich das eine auf das andere beziehen ließe“.[18]
Barthes betont, dass sich bei den
Buchstabenbildern kein eindeutiger Ursprung, kein klarer Beginn der
Bewegung zwischen Buchstabe und Bild festmachen ließe, wodurch sie
letztlich der unentscheidbare Status einer stets wiederkehrenden
Metapher ohne Ursprung auszeichne:
Es liegt auf der
Hand, dass der Buchstabe, vor
lauter Aus-wüchsen, Aus-brüchen, Aus-wanderungen und Assoziationen
nicht, nicht mehr der Ursprung des Bildes ist: Jede Metapher ist ursprungslos,
sobald man von der Aussage zum Aussagen, vom Sprechen zum Schreiben
übergeht; der analogische Bezug ist kreisförmig, ohne Vorrangigkeit;
die Glieder, die er erfasst, sind fluktuierend: Wer beginnt in den dargestellten
Zeichen? [...] Der Buchstabe ist im Grunde nur ein paradigmatischer,
arbiträrer Brückenkopf, weil der Diskurs beginnen muss.[19]
Offensichtlich erkennt Barthes in der
gestalterischen Arbeit am Buchstaben einen besonders anschaulichen
Spezialfall jenes ursprungslosen Spiels der Zeichen wieder, auf denen
die sprachliche Kommunikation aufbaut und das von Jacques Derrida als
„Die différance“ (1968)
beschrieben wurde (dazu später mehr). Barthes greift diese Vorlage auf
und feiert nun die neuen ästhetischen Möglichkeiten und Ansichten, die
sich aus jener kunstvollen Aushöhlung der Signifikanten ergeben und die
sich wohl kaum unmittelbarer versinn(bild)lichen ließen, als am
Buchstaben selbst, dem Inbegriff des Signifikanten schlechthin.
Nun geht die Graffiti-Écriture des Wild Style sogar noch einen Schritt
weiter als die von Barthes gepriesene Typographie, bzw. Schriftkunst:
Noch konsequenter als in den von Massin gesammelten Bild-Alphabeten,
noch radikaler als in Ertés mimetischen, figürlichen Initialien, bzw.
buchstabenförmigen Figurinen, wird hier ein spielerischer Prozess in
Gang gesetzt, der, weit jenseits der Funktion des Bedeutens, nur noch
den ästhetisierenden ‚Geist des Buchstabens’, aber nicht einmal mehr
die Lesbarkeit respektiert.
So gesehen ist der Wild Style die Freisetzung einer
bisher beim Lesen pragmatischer- und notwendigerweise
‚absichtlich’ übersehenen, rein formalästhetischen Sinnlichkeit des
Buchstabens. Es mag banal klingen, wurde aber bisher kaum bedacht: Noch bevor aus der Unlesbarkeit des
Buchstabens, der Dysfunktionalisierung des Signifikanten, in einer
sekundären, quasi-hermeneutischen Lesart eine programmatische Geste,
ein vielbeschworener „Aufstand der Zeichen“ wird, ist dieser Prozess
zunächst und vor allem ein lustvolles, ästhetisches Spiel der différance an der Oberfläche der Zeichen.
Und da dieses Spiel sich im Akt des Lesens
nachvollziehen lässt, eines Lesens, dass sich nur für die
stilistisch-materielle Oberfläche interessiert, gilt dies gleichermaßen
für Produktion wie Rezeption.
Sinnloses
Spiel, Feuerwerk steriler Differenz
Der Wild Style spielt also mit der von Barthes beschriebenen Differenz von Schrift und Bild, versinnbildlicht oder verkörpert sogar Derridas différance, die sich noch innerhalb eines jeden Signifikanten abspielt, ist ohne Frage ver-spielte Schrift, d.h. eine geplant fahrlässige Überbietung der kausallogischen und gestaltpsychologischen Gesetze des Lesens und der Typographie. Auf dem Höhepunkt dieses Spiels wird ein Teil des Einsatzes, die Funktionalität der Schrift, verloren gegeben; (wieder-)gewonnen wird dafür der bildliche Aspekt des Buchstabens – das reine ‚Schriftbild’, wenn man so will. Bildliche und schriftliche Formen befinden sich darin im konstruktiven Widerstreit und bilden so den prekären, charakteristischen Zeichenstatus des Wild Style. Sie werden gegeneinander ausgespielt in einer durch ‚Malen’ (deutscher Graffiti-Slang), bzw. 'Writing' (amerikanischer Graffiti-Slang) ins Ikonische gewendeten, nicht länger phonetischen Schrift; einer Schrift, die nichts weiter bedeutet als sich selbst, die primär keinen Sinn und jenseits einer ästhetischen Funktion nichts Verwertbares produziert (was natürlich nicht heißt, dass nicht auch diese Ästhetik kommerzialisiert wird). In seinem Aufsatz „L’acinéma“ (1978) entwickelt
Jean-François Lyotard seine These der „sterilen Differenzen, die zu
nichts führen“, wie sie etwa von einem Kind bei der „Feuerwerkerei“
erzeugt werden, wenn es das Streichholz zweckentfremdet verwendet, um
mit dem Feuer – dem Inbegriff der Zivilisation – zu spielen, allein „um
zu sehen was passiert“, d.h. mit einer kindlichen „Lust zur
Perversion“, die sich der Ratio und dem Warenkreislauf, bzw. der
Wertschöpfungskette entzieht; denn das Kind „liebt Verluste – das, was
der Physiker Energieschwund nennen würde“.[20]
Sobald sich ein kulturelles Phänomen wie Graffiti
der Logik der sinnvollen Repräsentation und der Wertschöpfung entzieht,
werden in seine Bedeutungslosigkeit über kurz oder lang Anti-Ideologie
und Anti-Ästhetik hineingelesen. Dieser Linie folgte, wie beschrieben,
bereits Baudrillards ‚an sich’ revolutionärer „leerer Signifikant“ im
„Aufstand der Zeichen“, der schließlich doch wieder primär auf einen
Aufstand unterdrückter Menschen bezogen wurde. Cemnoz, ein als
„Buchstabentheoretiker“ betitelter deutscher Writer, wiederholt
Baudrillards Argument und zeigt zugleich, wie
unaushaltbar die semantische Leere von Graffiti auch für einen
‚Graffiti-Autor’ zu sein scheint, so dass sie bis zur Kurzschlüssigkeit
immer wieder mit dem Mehrwert der Agitation aufgeladen werden muss:
Dieses Reduzieren
von Schrift auf einen
Sinninhalt, wie es durch die Wissenschaftlichkeit in der westlichen
Welt dann gekommen ist, dem wird sozusagen durch Graffiti
entgegengearbeitet. Diesen ganzen Medien, die durch Werbung präsent
sind und sich durch Schrift mitteilen und wo immer alles sinnvoll sein
muss – kauf dies und das [...] –, das wird dadurch alles hinterfragt.[21]
Immer wieder wird auf diese Weise übersehen, dass
dieser ‚Aufstand’ gegen die Kommunikationsfunktion der Zeichen
bestenfalls ein sekundärer,
genaugenommen ein hermeneutischer (Lektüre-)Effekt ist, der für die
ästhetische Produktion und Lesart von Graffiti zunächst grundsätzlich
ohne Bedeutung ist. Wahrscheinlich ist es auch die Konfusion illegaler
Praktiken bei der Anbringung von Graffiti mit ihrer Ästhetik, die
Einiges zu der kurzschlüssigen Aufladung des Graffiti-Diskurses mit
(Anti-)Ideologie beiträgt. Als ob sich die einst oft beschworene
postmoderne Ästhetik nicht gerade dadurch auszeichnete, dass sie für
eine effizientere Ausdifferenzierung der Produkte und ihres Konsums
sofort jegliche ‚Anti’-Ästhetiken absorbiert.[22]
Und als ob Graffiti
nicht von Anfang an erfolgreich von der Lifestyle-Industrie
‚instrumentalisiert’ worden wäre. Einigermaßen sinnvoll wäre das
ideologiekritische Interesse an Graffiti bestenfalls noch für die
Rezeptionsseite. Hier könnte man eben genau untersuchen, wie Graffiti
und andere zunächst illegalen Phänomene und Praktiken jugendlicher
Sub-, bzw. Popkultur kommerzialisiert werden, ohne vollständig den
Mythos des Revolutionären und der Illegalität einzubüßen (eine große
Rolle spielt dabei sicher die Spannbreite des Phänomens: Illegale Écritures existieren weiter neben
legalen und legitimieren sich gegenseitig – gerade auch wegen der von
den Akteuren rituell zur Schau getragenen Differenzen, die den Diskurs,
seine Regeln und seine Realness,
am Leben halten).
Man muss es also wiederholen: die Signifikanten des Writing sind von
sich aus leer. Und der Wild Style
ist diejenige Écriture, wo
diese Leere am deutlichsten inszeniert und ausgespielt wird. Was aber
bewirken diese leeren Signifikanten und ihre sterilen Differenzen? Oder
anders: Wie wird aus dem Sinnverlust tatsächlich ein Lustgewinn? Eine
methodisch sicher schwierig zu beantwortende Frage. Immerhin liefert
ein ähnliches Phänomen einige Anhalts- und Verbindungspunkte, von denen
aus im Folgenden einige Zusammenhänge erarbeitet werden sollen.
Customizing, Buchstabe als Spielraum Die verspielte Wild Style-Ästhetik, die sich des lateinischen Buchstabens bemächtigt, weist eine aufschlussreiche Ähnlichkeit zum Customizing auf, jener kreativen Modifizierung eines industriell gefertigten Serienproduktes, das erst dadurch zum Unikat wird und dessen Mehrwert darin besteht, dass es potenziell geeignet ist, den individuellen Ausdruck der Persönlichkeit seines Besitzers/‚Schöpfers’ zu repräsentieren. Dabei handelt es sich nicht von ungefähr vorzugsweise um Fahrzeuge, meist um Personenwagen. Ebenso werden Fahrräder in dieser auf das beeindruckende Erscheinungsbild abzielenden Praxis des Fahrzeug-(Neu-)Designs durch aufwändigste, keine Kosten und Mühen scheuende, d.h. luxuriös-verschwenderische Verfahren und Materialien zu beinah unvorstellbaren, meist noch individuell verstellbaren Lowridern umgemodelt, mit denen man zwar in jeder Lage ‚glänzen’, aber im Extremfall kaum noch das tun kann, wofür sie eigentlich gebaut wurden: Fahrrad fahren. Von der praktischen Funktion, der Mobilität, wird hier offensichtlich abgesehen zugunsten eines rein oberflächlich-visuellen, stark fetischisierten Objektstatus des Fahrrades und seiner Funktion als Bling bling: als spektakulär übertriebene Inszenierung von materieller Verschwendung, von Luxus und Kommerz. Entsprechend ihres Objektstatus werden die Lowrider auf Wettkämpfen dann auch nicht ‚in Aktion’, sondern meist um sich selbst rotierend, auf einer eigens dafür angefertigten Drehbühne präsentiert. So wird eine Rundumansicht des Modells ermöglicht, ohne dass sich dafür das Objekt oder seine Betrachter selbst bewegen müssten. ![]() Bildquelle:
http://www.lowriderbike.com/freestuff/lrb3_640.jpg
Für die Gestaltung eines Wild Style-Graffiti liefern nun
anstelle des seriengefertigten Fahrradrahmens die Buchstaben des ABC
den idealen Rahmen, den im Dienste der Konsumier- und Lesbarkeit
genormten Prototypen (die unterschiedliche Materialität der Phänomene
bedingt freilich einige spezifische Eigenarten; so gibt es beim
Graffiti keine Entsprechung für den Materialeigenwert des beim Customizing herausgearbeiteten Bling bling). Der Rahmen markiert
die Grenzen – besser noch: den Raum – und die Regeln für das nun an ihm
sichtbar werdende Spiel, bildet den allgemein bekannten Maßstab, an dem
die individuelle gestalterische Leistung des Malers/Writers nachvollzogen und ermessen
werden kann.
![]() Abb. 2:
Rekonstruierte
Entwicklungsreihe des kleinen a, Skizze für Plurale, 2005
![]() Abb. 3: Skizzen
vom
kleinen a, Bleistift auf Papier, ca. 15 x 25 cm, Frühjahr 2005
Was bedeutet der von mir bisher etwas
umgangssprachlich eingesetzte Begriff des ‚Spiels’ und die Vorstellung
vom ‚Buchstaben als Rahmen und Spielraum’ hier aber genau?
Offensichtlich geht es beim Wild
Style nicht um die mimetische, nachahmende Abbildung.
Schließlich ist für das Piece
wesentlich, dass ihm weder ein gegenständliches Original, noch eine
universale Idee davon als Vorlage dient, sondern ein Buchstabe – und
damit ein im Saussure’schen Sinne beliebig definiertes Zeichen, ein von
Bedeutung zunächst getrennter, in diesem Sinne ‚leerer’ Signifikant
(wenn man akzeptiert, dass etwaige dem lateinischen Alphabet
zugrundeliegende ideographische Spuren verblasst sind). Für jeden
Signifikanten (etwa den „Begriff“) gilt: „[er] ist seinem Gesetz nach
in eine Kette oder in ein System eingeschrieben, worin er durch das
systematische Spiel von Differenzen auf den anderen, auf die anderen
Begriffe verweist“.[23]
Dieses „Spiel von
Differenzen“ nennt Derrida die différance
(mit a). „Jene Spielbewegung“
ersetzt
mit den von ihr erzeugten „Effekte[n] der Differenz“[24]
das
„transzendentale Signifikat“ als Ursprung des Bezeichnens (etwa die
gottgegebenen ‚Originale’ in Platons Ideenkosmos), d.h. eine „zentrale
Präsenz“, ein „Zentrum“, das als „Organisationsprinzip der Struktur
dasjenige in Grenzen [hält], was wir das Spiel der Struktur nennen
könnten“[25].
Nun ist aber ein
Denken in Differenzen unmöglich, „stellt
eine Struktur, der jegliches Zentrum fehlt, das Undenkbare selbst
dar“[26],
denn „die
Abwesenheit eines transzendentalen Signifikats
erweitert das Feld und das Spiel des Bezeichnens ins Unendliche“.[27] Die
Dekonstruktion ersetzt daher die metaphysischen Konnotationen und
Ursprungsmetaphern eines Zentrums durch eine „Funktion, eine Art von
Nicht-Ort, worin sich ein unendlicher Austausch von Zeichen abspielt“ –
eben durch „jene Spielbewegung“ der Differenzen, die différance.[28]
Das Graffiti-Writing,
das vom Buchstaben ausgeht, der von der différance geprägt ist,
repräsentiert also nicht(s), sondern visualisiert lediglich jene
‚Spielbewegung’, dieses ‚Spiel der Struktur’, ‚Spiel des Bezeichnens’,
‚Spiel von Differenzen’. Der wiedererkennbare, konventionalisierte
Buchstabe setzt den Rahmen und den Raum für das Spiel, wodurch seine es
konstituierenden Regeln überhaupt erst möglich und sichtbar werden –
ohne darüberhinaus etwas bedeuten zu müssen. Die von Seak für diesen
Aufsatz (re-)konstruierte (d.h. strenggenommen synthetische,
ahistorische) ‚Entwicklungsreihe’ des kleinen a, sowie seine diversen
modularen Bausätze und Black Book-Skizzen
vom a, zeigen, wie der
einfache Buchstabe als Rahmen, Spielraum und Folie dient für immer
komplexere und schließlich rein bildliche Formen (→ Abb.
2 und → Abb.
4). Formen,
die weniger eine Ideologie verneinen, als vielmehr den sinnlichen
Aspekt des materialisierten Buchstabens und seine so vom Bezeichnen
befreite Spielbewegung, die différance
bejahen.
![]() Abb. 4: Kleines a,
CAD-Studie, 2004
Nicht von ungefähr bildet im Customizing,
wie auch im Wild Style und im Graffiti generell, die
Inszenierung der Bewegung einen wesentlichen Aspekt dieses Spiels. So
ist der Pfeil in allen Formen und Ausprägungen eines der ersten
graphischen Ergänzungselemente der Graffitischrift und zeigt das
erklärte Ziel an, dem Schriftzug eine eigene Dynamik, einen Flow zu geben. Während sich der Flow im Tagging in einer
antrainierten Körperdisziplinierung als performativer Akt beim
Ausführen eines möglichst ‚flüssig’ in einem Stück geschriebenen
Schriftzuges ausdrückt, wird er im Masterpiece
eher durch das gestalterische Gesamtkonzept erreicht, d.h. beim Wild Style vor allem durch eine
fantasie- und stilvoll bis zur Unleserlichkeit getriebene graphische
Modifikation der Schrift. Allerdings kann an der zügigen Führungsweise
der äußeren Begrenzungslinie, der Outline,
der Flow auch beim Piece nachvollzogen werden – außer
bei jenen Pieces, die keine Outline in diesem Sinne (mehr)
haben, wie z.B. den späten Pieces
von Seak (→ Abb.
9 und → Abb.
10). Zunächst sieht es also so aus, als würde
auf diese Weise beim Wild Style aus
einer „stativen“ Schrift mit distinkten Einzelzeichen (dem
Lateinischen) eine „fluide Schrift“ (vergleichbar dem Arabischen).[29]
Tatsächlich erzeugt die exzessive Dynamisierung der Schrift aber
dadurch, dass die Schrift und ihre Buchstaben unleserlich werden, auch
einen ‚angehaltenen Moment’ der Schrift: Das sinnerzeugende Flottieren
der Signifikanten, die Möglichkeit der Identifikation der Buchstaben im
ständigen, gleichzeitigen Abgleich mit den anderen Buchstaben der
Signifikantenkette, zeitigt kein sinnvolles Ergebnis mehr und findet
also kein Ende. Dieser Prozess der différance
läuft also dadurch leer, dass dieses Spiel zu nichts führt, sich der
Buchstabe darin verliert und aufreibt – im rasenden Stillstand. Übrig
bleibt das Bild eines Buchstabens, der nichts mehr bedeutet, aber
dennoch weiter das Potenzial zum Buchstaben hat. Anstelle des
Buchstabens in der Signifikantenkette erscheint ein buchstabenbasiertes
Bild-Objekt.
![]() Abb 5: »Seak«,
Trier
1995, Spraycan
![]() Abb. 6: »Seak«,
Goch 1997,
Spraycan (Character von Ate 1)
![]() Abb. 7: »Seack«, Neuss 1997, Mischtechnik ![]() Abb. 8: »Seak«, Eindhoven 1997, Mischtechnik ![]() Abb. 9: »Seak«, Monheim 1998, Mischtechnik ![]() Abb. 10: »Seak«, bei Venedig 2002; Spraycan Besonders in den jüngeren Pieces
von Seak wird die Bewegung
der Buchstaben nicht mehr mit den graffititypischen Pfeilen markiert
oder angezeigt, sondern – und das ist durchaus ein naturalistischer
Aspekt – von den Buchstabenobjekten im Raum regelrecht nachgeahmt, wenn
sie sich etwa unter der Bewegungsgeschwindigkeit zu beugen scheinen,
während sie, biomorphen Raumschiffen gleich, durch einen enormen,
dreidimensionalen (Welt-)Raum rasen. (→ Abb.
13).
![]() Abb. 11: Kleines a, Downtown Los
Angeles (auf dem Dach, 20. Stock) 2004, Spraycan
![]() Abb. 12: Kleines a, Barcelona 2004, Spraycan ![]() Abb. 13: »In the Air Tonight« (kleines a), Mischtechnik auf Leinwand, 1,70 x 2,10 m, 2003 ![]() Abb. 14: »Armoured mini a« (kleines a), Mischtechnik auf Leinwand, 30x30 cm, 2003. Folgendermaßen beschreibt Lyotard den engen Zusammenhang von Affekt und Bewegung, der hier auch Einiges von der Faszination für den Wild Style – das Customizing des Alphabets – erklären helfen kann: „alle Intensitäten sind immer Verschiebungen an Ort und Stelle. Man sollte das Wort Erregung (Emotion) wohl als eine bis zur Selbsterschöpfung gehende Regung analysieren, als Immobilisierungsbewegung, als immobilisierte Mobilisierung“.[30] Ganz ähnlich sind die Überlegungen von Gilles Deleuze zum ‚Affektbild’. Bei Deleuze, der nicht von ungefähr wie Lyotard sein Konzept an den moving images – dem Film – entwickelt, wird aus der angehaltenen Bewegung eines Bewegungsträgers reine Ausdrucksbewegung, die nun auch den Betrachter unmittelbar angeht, anregt, affiziert: „Dieses Ensemble aus einer unbeweglichen reflektierenden Einheit und dichten expressiven Bewegungen konstituiert den Affekt“.[31] Deleuze überträgt dieses an der Großaufnahme des menschlichen Gesichts gewonnene Paradigma auf alle „Erscheinungsflächen“, auf denen der größere „Bewegungsspielraum verloren“ geht, um dafür reine, konzentrierte Ausdrucksbewegung zu werden.[32] Die Beziehung zwischen Ausdruck und Affekt findet sich in Idealform im Gesicht und wo diese Beziehung sich findet, erscheint somit ein Gesicht (was z.B auch erklärt, warum die Buchstaben vieler Pieces mit Augen und Zähnen ausgestattet werden – allerdings nicht bei Seak: Seine Buchstaben sind weit abstraktere Lebensformen). Sowohl auf den vom Customizing immobilisierten
Fahrzeugen, wie auf den im Wild Style
aus der fluktuierenden Signifikantenkette herausgelösten, angehaltenen,
aber immer noch dynamisch erscheinenden Buchstaben, deren Sinn sich nun
an ihnen selbst und an Ort und Stelle (klassischerweise einer Wand)
aufreibt, werden also kleinere Spannungspotenziale auf der Oberfläche
eines fetischisierten (Bild-)Objekts realisiert; in einem
widersprüchlichen Spiel der Veränderung und (Un-)Beweglichkeit, das
nichts anderes ist als ein dysfunktionaler, in diesem Sinne
‚perverser’, rein ästhetischer ‚Exzess’; ein Exzess, der durch die
neuen gestalterischen Möglichkeiten fasziniert und dadurch potenziell
Lust erregt; eine rein materielle, oberflächlich-sinnliche Lust, die
dieses Objekt erst erzeugt, nachdem es von der Last der Nützlichkeit
(der Mobilität, dem Warenkreislauf, dem Signifizieren) befreit wurde –
Lustgewinn durch Sinnverlust. Anstatt zu buchstabieren und zu
signifizieren, ‚posiert’ der Buchstabe und bietet nun eine
intensivierte, erotisierte Oberfläche dar, wie bei Lyotard die zur Pose
erstarrten, sich dem Voyeurismus darbietenden Frauenkörper, die dabei
durchaus bekleidet sein können, da hier eben nicht die Nacktheit den
eigentlichen Reiz ausmacht, sondern eben jene unbewegte Oberfläche; die
‚immobilisierte’, angehaltene Bewegung greift daraufhin als Erregung
auf den derart ergriffenen Betrachter über.[33] Dieser Affekt
ähnelt dem
durch das Tableau vivant
erzeugten Spannungspotenzial, der auch das Affektbild von Deleuze
charakterisiert. An ebendieser Schaulust angesichts eines inszenierten
Spiels der sinnlichen Materialität des Buchstabens, seines
Bewegungspotenzials im außergewöhnlichen Stillstand, haben im Idealfall
nicht nur der Produzent, sondern auch die Rezipienten des Masterpiece teil.
Seak, S-e-a-k, kleines a Ausgerechnet wieder das kleine a an Stelle des nach Gehör zu erwartenden e (wenn man die gleichklingende englische Vokabel ‚to seek’ kennt), trennt den Schriftzug „Seak“, der zugleich auch als Name funktioniert, von einer beinahe metaphysischen Bedeutung (‚to seek’: Nach etwas suchen, trachten, etwas begehren). Als wäre hier wieder jene „‚différ()nce’ zwischen dem e und dem a“[34] im Spiel, jene oben beschriebene Bewegung, die das Graffiti-Writing und die darin rematerialisierten, von der sprachlichen Funktion entbundenen Buchstaben-Zeichen auszeichnet. Denn so verzweifelt man darin auch nach einem Sinn suchen oder danach trachten mag, um – angespornt von einem ‚Namen’, oder anderen zweifelhaften Anhaltspunkten – „die wahre Kunst, die ultimative Aussage, was auch immer“ (Seak) zu finden: Die Signifikanten im Graffiti – die Buchstaben, die Schrift – bleiben leer, da sich ihr Sinn völlig einer rein ästhetischen Écriture ver-schreibt:[35] Als ich anfing,
habe ich ziemlich schnell diese Shoe- und Bando-Skizzen bekommen.
[...]. Da war der Buchstabe S drin. Außerdem war da auch immer wieder
der Buchstabe E zu sehen. Ich hatte in dieser Zeit regelmäßig
wechselnde Namen [...]. Seinerzeit dachte ich noch, ich würde eine
Karriere als Tagger hinlegen, aber so weit ist es nie gekommen (lacht).
In Köln hatte damals jeder ein K im Namen. Das konnte man immer so
schön auslaufen lassen. Da überlegte ich mir dann, was am besten
zwischen SE und K passen würde. Ich bin dann beim A gelandet, da dies
den Vorteil hatte, dass es in der Groß- und Kleinschreibung gut
funktioniert.
Das A,
bzw. das a von „Seak“ und
eigentlich der ganze Name in seiner auf den ersten Blick so
festgefügten, damit unverwechselbar wiedererkennbaren Form, verdankt
seine Existenz also einem rein gestalterischen, gestaltorientierten
Abgleich mit anderen Buchstaben in einer bereits vorgegebenen Reihe.
Und dieser in individuell zusammengesuchten Buchstaben gefundene Name,
der deshalb weniger ein ‚Name’ im herkömmlichen Sinne, denn das Produkt
einer zufälligen Aneinanderreihung von Buchstaben ist, bleibt deswegen
stets instabil und offen für die Möglichkeit einer variierten
Schreibweise, z.B. als „Sake“ oder „Seack“ (→ Abb.
7). Im Graffiti von
Seak und im Writing generell,
betrifft die Bewegung der différance
nicht mehr die Problematik der Bedeutungs- und Kommunikationsfähigkeit
des Signifikanten, sondern wird eingebunden in das kreative Spiel
zwischen Schrift und Bild. So bleibt es dem ‚Geist des Buchstabens’
treu. Besonders in der späteren Schaffensperiode von Seak wird der
zunehmend vereinzelt auftretende Buchstabe somit zum U-Topos, zur
vielversprechenden Stammzelle, zum leistungsfähigen Formenwandler, zum
Potenzial schlechthin – denn „von seiner sprachlichen Rolle befreit
(Teil eines einzelnen Wortes zu sein) kann ein Buchstabe alles sagen“.[36]
Und sehr vieles von dem, was ein (einzelner)
Buchstabe alles sagen kann, glaubt man bereits in den Pieces von Seak
zu finden. Denn in einem nun bereits zwölf Jahre währenden Prozess
konzentrieren sich auch viele seiner großen Wandbilder immer stärker
auf einen einzigen Buchstaben: Das kleine a. Seak gehört damit zu den
Wenigen, die den ‚Geist des Buchstabens’ von Graffiti in seiner
ultimativen Konsequenz verfolgen und realisieren. Seaks radikale
Bevorzugung eines einzigen Buchstabens unterscheidet ihn selbst noch
von einem Graffiti-Puristen à la lettre wie dem Oldschool-Graffiti-Künstler
Ramm:ell:zee, der seine „Letterracers“ genannten Buchstabenskulpturen
zu Protagonisten seines eigenen, von Buchstabenmystik bestimmten
Phantasieuniversums macht, dem „gothic futurism“;[37]
eines Universums, in dem aber noch alle Buchstaben Platz haben.
In den Pieces,
Skizzen, Gemälden und Designs von Seak hat sich in der Konsequenz ein
seltsam autistischer, eigenständiger Stil durchgesetzt, der kaum noch
nach dem aussieht, was man landläufig unter Graffiti versteht. Auf den
ersten Blick tendieren seine Pieces
noch stärker als andere zum Bild, erinnern sogar kaum noch an den
buchstabenbasierten Wild Style.
Dabei ist nicht nur der Prozess der Findung der Buchstaben, sondern
auch der ihrer Gestaltung und die spätere Reduktion auf das a, das
neben seinem plastischen Style
bald zu seinem charakteristischen ‚Markenzeichen’ im buchstäblichen
Sinne wurde, zunächst diskursiven Praktiken gefolgt, die sich erst
allmählich und nachträglich zu einem Konzept verfestigt haben.
Seak strebte beim Piecing des Schriftzuges „Seak“
zunächst einen eher klassischen Wild
Style an, trieb dieses altbekannte Spiel jedoch nur bis zu einem
„Semi-Wild Style“ (Seak). Noch bevor die von den komplizierten Outlines inszenierten Verbindungen
zwischen S/s, E/e, A/a und K/k ihre höchste Komplexität, d.h. die
absolute Unlesbarkeit erreicht hatten (→ Abb.
6), löste sich die Outline der
Schriftzüge allmählich
wieder auf, um das bereits früh entdeckte Potenzial einer rein durch
Farbeffekte bewirkten, stofflichen Räumlichkeit weiterzuverfolgen. Auf
der Suche nach einer Alternative zur Outline,
der möglichst exakt in einem Zug zu ziehenden, kontrastreichen
Umrandungslinie, von denen die Buchstaben und Schriftzüge üblicherweise
konturiert werden, experimentierte Seak deshalb zeitgleich schon Mitte
der Neunziger mit besonders plastischen Fill-ins, weich ineinander
übergehenden Farb- und Schattengebungen (Fading und Shading), die die Buchstaben als
„Objekte“ begrenzten und „füllig“ werden ließen. Seine noch leicht
lesbaren Buchstaben und Schriftzüge, bekamen dadurch eine für Graffiti
eher untypische, rundlich-weiche Form. Oft wurden diese Pieces noch
‚aufgewertet’ durch alternative 3D-Effekte (→ Abb.
5), mit denen kurz
zuvor auch andere Writer groß
herausgekommen waren – etwa Daim, oder die Niederländer Delta, Zedz und
Days. Die Kombination von Outline
und plastischem Fill-in
findet sich unter den ‚klassischen’ Pieces,
die Seak retrospektive zu seiner „Oldschool“ zählt, dagegen eher selten
(→ Abb.
6).
Der völlige, kompromisslose Verzicht auf die
herkömmliche Outline, bringt
ab ca. 1998 den entscheidenden Fortschritt für die
Buchstabenentwicklung von Seak, führt zu immer avancierteren
Lichtgebungstechniken und Farbkonzepten, zu zunehmender Plastizität und
Vergegenständlichung der Buchstaben, ihrer Form und ihrer Oberfläche –
Seak findet zu seinem unverwechselbaren, neuartigen
„Newschool“-Graffiti, das außerdem völlig den materiellen Eigenarten
und virtuosen Möglichkeiten der Aerosol-Sprühfarbe Rechnung trägt (→ Abb.
9 und → Abb.
10).
Auch die Black
Book-Skizzen werden in der Folge nun eher spontan skizziert,
denn als akribische Vorzeichnungen für die Wandbilder entworfen. Auch
sie bekommen ab da auf dem Papier einen ganz eigenen graphischen Wert.
Der Schriftzug „Seak“ ist in diesen neuen Buchstabenobjekten
indes kaum noch zu erkennen, die damit ganz allein für sich selbst
stehen (9 & 10). Bei diesen objekthaften Buchstabenbildern
bildet sich jetzt ein quasi naturalistisch-mimetisches Raumkonzept aus.
Seine nun stark abstrahierten Pieces
werden allmählich zu ganz neuen, plastisch-haptischen,
gegenständlichen, mal bio-, mal technomorphen, immer aber organisch
wirkenden Buchstabenkörpern, die sich meist durch einen von der
Lichtführung konstruierten, dreidimensionalen Raum bewegen, der nicht
selten kosmische Ausmaße zu haben scheint. Oft erinnern seine
Leinwandbilder daher nicht von ungefähr an die anspruchsvolle
Science-Fiction-Cover Art der
80er (→
Abb.
13).
Seaks Buchstabenobjekte werden dennoch keine
reinen Characters – womit
jene nicht auf Buchstaben basierenden, mimetischen Bilder gemeint sind,
die die Pieces öfter als Beiwerk ergänzen und selten für sich selber
stehen (→
Abb.
6 zeigt einen der klassischen Oldschool-Character von Ate). Der Character – von Seak auf seinen
neueren Pieces vehement abgelehnt – bedient am ehesten die herkömmliche
Vorstellung eines ‚Bildes’ (Characters
wie die von Keith Haring fanden daher besonders schnell den Weg in die
Galerien und Museen). Das kleine a von Seak ist auch in dieser Hinsicht
ein ‚Hybrid’: Wie gesagt ist trotz seiner Bildhaftigkeit, die es einem
mimetischen Bild ähnlich macht, entscheidend, dass es als Vor-Bild
einen Buchstaben hat, also wieder einen arbiträren Signifikanten und
keinen Gegenstand, bzw. gegenständliches Ideal.
Nachdem sich Mal- und Farbtechniken des Piecing seines eigenen Newschool-Style gefestigt hatten, malt Seak
seit 1999 verstärkt Leinwände. Der durch den Rahmen stark begrenzte
Raum der Leinwand, sowie die freiere und stärker skizzenartige Mal- und
Arbeitsweise mit verschiedenen Farben – z.B. Aerosol, Acryl, Öl,
Airbrush, Edding –, begünstigten die Vereinzelung der Buchstaben und
führten ca. 2000 zur Herauslösung des kleinen a aus dem Schriftzug –
und damit zu einem weiteren Abstraktions- und Innovationsschub. Das
Freistehen des Buchstaben ermöglichte nun ein deutlich exzessiveres
Spiel mit seiner Oberfläche. Das ganze Arsenal der charakteristischen
Stilelemente von Seak konnte sich nun frei ausbilden: Widerhaken,
Haare, Bügel, Pickel, Schläuche, Wucherungen, Risse, Spalten,
Auswüchse, phallische Elemente...
Noch bevor das Denken dem Spiel mit der
Buchstabenform eine Grenze setzte, erwies sich die Eindimensionalität
der Malfläche als Hindernis. Um alle denk- und undenkbaren, möglichen
und unmöglichen Ansichten der Zukunft und Herkunft des Buchstabens
durchzuspielen, experimentiert Seak daher seit 2003 mit computer aided design (CAD) und
3D-Animation (→ Abb.
4 und →Abb. 1).
![]() Abb. 15: Kleines a, Levis limited edition, Siebdruck auf Denim, 2003 Verspielt und lustvoll die Grenze zwischen Bild,
Buchstabe, Schrift und Körper in einer ununterscheidbaren Welt aus Text
und Textur auflösend, entspricht die im Zeichen des ‚Buchstabengeistes’
stehende Graffiti-Kunst von Seak damit auch dem Barthes’schen Ideal des
„Barocken“: „Der Spielraum, dem wir dem einräumen, was man als das
Barocke bezeichnen kann (um uns den Humanisten verständlich zu machen),
ist der Ort schlechthin, an dem der Schriftsteller, der Maler, der
Graphiker, mit einem Wort, der Textperformator arbeiten soll“.[38]
Dieser Spielraum entfaltet sich im
Graffiti-Writing durch leere Signifikanten und ihre sterilen
Differenzen. Er liegt jenseits allzu offensichtlicher
(Anti-)Ideologien, jenseits von Gut und Böse, wird begrenzt nur durch
den selbstgegebenen Rahmen des Buchstabens, auf dessen Oberfläche sich
nun sichtbar ein intensives Hin- und Her von Bild und Schrift abspielt,
das den dafür offenen, schaue(r)nd-lesenden Betrachter angeht, ergreift
und affiziert, ohne je etwas anderes bedeuten zu wollen.
Ob man darüberhinaus in dieser alogischen,
irrationalen Bejahung der äußerlichen Möglichkeiten von Schrift nun ein
anarchisches Symbol sieht oder nicht – auf alle Fälle bleibt der ‚Geist
des Buchstabens’ ein wesentlicher Aspekt von Graffiti.
[ 1 ] Barthes 1990 (1970), 106 [ 2 ] Strick 2005 [ 3 ] Castleman 1982, 25 [ 4 ] http://graffitieuropa.org/kultur1.htm und http://graffitieuropa.org/definition.htm [ 5 ] Brock 1996, 85f [ 6 ] Brock 1996, 91f [ 7 ] Brock 1996, 83 [ 8 ] Marmandes 1990, 740. (Meine Übers. – PB) [ 9 ] Baudrillard 1978, 29 [ 10 ] Baudrillard 1978, 26; Strick 2005, 126 [ 11 ] Strick 2005, 126 [ 12 ] Marmandes 1990, 740. (Meine Übers. – PB) [ 13 ] Vgl. Phillips 1999. [ 14 ] Castleman 1982, 25-43 (meine Hh. – PB.) [ 15 ] Sutherland/REVS 2004; http://www.powerhousebooks.com/titles/autograf.html [ 16 ] Barthes 1990 (1970), 106 [ 17 ] Barthes 1990 (1973), 125 (Hh. i. Orig.) [ 18 ] Barthes 1990 (1970), 108f [ 19 ] Barthes 1990 (1970), 108f. (Hh. i. Orig.) [ 20 ] Lyotard 1982 (1973), 27. (Hh. i. Orig.) [ 21 ] Cemnoz in Todt 2002, 9 [ 22 ] Vgl. Jameson 1983, bsd. 125 [ 23 ] Derrida 1990 [1968], 88f., (meine Hh. – PB) [ 24 ] Derrida 1990 [1968], 89 [ 25 ] Derrida 1990 [1976],116f/114f [ 26 ] Derrida 1990 [1976],115 [ 27 ] Derrida 1990 [1976],117 [ 28 ] Derrida 1990 [1976],117 [ 29 ] Ehlich 2002,106 [ 30 ] Lyotard 1982 [1973], 38 [ 31 ] Deleuze 1997 (1983), 123f [ 32 ] Deleuze 1997 (1983), 123f [ 33 ] Lyotard 1982 [1973], 38 [ 34 ] Derrida 1990, [1968], 79. (Hh. i. Orig.) [ 35 ] Seak in Todt 2004, 65. (meine Hh. – PB.) [ 36 ] Barthes 1990 [1970], 109 [ 37 ] http://www.gothicfuturism.com/letter/01.html und http://www.gothicfuturism.com/world/19.html [ 38 ] Barthes 1982 [1970], 109 Literatur Barthes, Roland: Der Geist des Buchstabens [1970]. In: Barthes, Roland: Der entgegenkommende und der stumpfe Sinn. Frankfurt a.M 1990, 105-109. Barthes, Roland: Erté oder an den Buchstaben [1971]. In: Barthes, Roland: Der entgegenkommende und der stumpfe Sinn. Frankfurt a.M 1990, 110-135. Baudrillard, Jean: Kool Killer oder der Aufstand der Zeichen [1975]. In: Baudrillard, Jean: Kool Killer oder der Aufstand der Zeichen. Berlin 1978, 19-38. Brock, Bazin: Graffiti als Menetekel. In: Geld, Musik, Mythos, Macht: Geisteswissenschaft im Dialog. Manz am Rhein 1996, 83-92. Castleman, Craig: Getting Up. Subway Graffiti in New York. Cambridge und London 1982. Deleuze, Gilles: Kino 1. Das Bewegungsbild [1983]. Frankfurt a.M. 1997. Derrida, Jacques: Die différance [1968]. In: Peter Engelmann (Hg.): Postmoderne und Dekonstruktion. Texte französischer Philosophen der Gegenwart. Stuttgart 1990, 76-113. Derrida, Jacques: Die Struktur, das Zeichen und das Spiel im Diskurs der Wissenschaften vom Menschen [1976]. In: Peter Engelmann (Hg.): Postmoderne und Dekonstruktion. Texte französischer Philosophen der Gegenwart. Stuttgart 1990, 114-139. Ehlich, Konrad: Schrift, Schriftträger, Schriftform: Materialität und semiotische Struktur. In: Erika Greber / Konrad Ehlich / Jan-Dirk Müller: Materialität und Medialität von Schrift. Bielefeld 2002, 91-111. Lyotard, Jean-François: L’acinéma [1973]. In: Lyotard, Jean-François: Essays zu einer affirmativen Ästhetik. Berlin 1982, 25-43. Marmandes, F.: Écriture (- et écrivain). In: Encyclopédie philosophique universelle. Band 2 : Les Notions Philosophiques, dictionnaire. Paris 1990, 740-742. Massin, Robert: Buchstabenbilder und Bildalphabete [La lettre et l’image: la figuration dans l'alphabet latin du huitième siècle à nos jours]. Ravensburg 1970. Phillips, Susan A.: Wallbangin’. Graffiti and Gangs in L.A. Chicago und London 1999. Siegl, Norbert:Kulturphänomen Graffiti. Das Wiener Modell der Graffiti-Forschung. URL: http://www.graffitieuropa.org/kultur1.htm Siegl, Norbert: Definition des Begriffs Graffiti. URL: http://www.graffitieuropa.org/definition.htm Strick, Simon: „Graffiti – Zug und Entzug der öffentlichen Signaturen“. In: Plurale 4 (2005) – Werkzeug, 125-147. Sutherland, Peter/REVS: Autograf: New York City’s Graffiti Writers. Berlin 2004 Todt, Mark: „Seak “-Interview. In: Backspin, Nr. 53, März 2004, S. 62-65. Todt, Mark: „Cemnoz“-Interview. In: Backspin, Nr. 38, Oktober 2002, S. 8-14. zur → Homepage von SEAK Quelle des Originaltextes: Patrick Brunken:
Lustgewinn durch Sinnverlust: Der
„Geist des Buchstabens“
oder Das kleine a im Graffiti von Seak. In: PLURALE 5 (2005) - Gewinn, 16–49. |