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Geschoss und Engel
Blick in die Geometrie eines
Tötungsdeliktes
Von Anselmo Fox
Bang, bang, my baby shot me down.
(Nancy Sinatra, 1967) Auf Schulterhöhe erhebt sich ein
überlebensgroßer Bronzeengel auf seiner marmornen
Sockelung. Ich lege den Kopf in den Nacken und schließe ein
Auge.
Grünspanig und nickelschwarz
fließgefleckt ragt sein aufgespannter, linker Flügel,
dessen Oberseite mir zugewandt ist welcher sich mir von seiner
Oberseite zeigt, in den Raum. Mein Blick tastet sich über das
versetzt profilierte Gefieder der oberen Flügeldecke. Entgegen
dem einfallenden Licht, zwischen den aufgeworfenen, scharfkantigen
Umsäumungen zweier ungleichgroß gerissener
Einschusslöcher in der Bronzehülle tunnelt er sich
verjüngend dem spärlichen Geäst vorbei in die
Bläue des Himmelsfleckens. Die Neigung meines Kopfes und die
Bereifung meines Blickes durch die sich im Lichteinfall
kontrastierende Tiefe des durchschossenen
Flügelhohlkörpers imaginieren die Geometrie eines Sehens,
das nicht nur den eingeschlossenen Schatten zwischen Innen- und
Außenseite des linken, durchschlagenen Flügels mir
erschließt. Linearperspektivisch erstreckt sich durch den,
von beiden Flügeldecken in die Sichtbarkeit eingeklammerten
Schusskanal die transitiv erhellte Punktierung meines Augapfels in
ihre Entfernung irgendwo in die verblassende Durchdringung des
Himmels zum nominativen Ort. Der Himmelsort ist somit nicht nur
eine Lochung in der ersch(l)ossenen Schwärze des Flügels,
der Differenz zwischen Schussein- und -austritt, sondern vor allem
mit dessen Sichtung die anamorphotische, Ich–formende
Entzerrung in der Figur der Achse meines Tiefensehens selbst, der
verkehrten Flugbahn des Projektils. Erst bedingt durch das Ausloten
meiner Sehposition hinter dem Engel werden die Löcher so
gestaffelt, dass deren Durchsicht identifikatorisch sich als
subjektive Perspektive aus einer unendlichen Zahl von Zerrbildern
meinen Blick zum fiktiven Ort des Täters öffnet und
spannt. Lichteinfall und Tiefensehen bedingen sich gegenseitig und
bilden eine simultane Einheit. Die Abwesenheit des Projektils
injiziert das Licht in die Einschussspur. Sie wiederum richtet
meinen Blick in die Geometrie seiner Kausalität eines bereits
geschehenen zielgenauen Sehens. Dieses Reflektieren der Lichtspur,
welche das rückstossbetriebene Projektil in der Durchdringung
der Raumaggregate wahrscheinlich in der Zeit der Nahkämpfe um
den Tempelhofer Flughafen 1945 schnitt, verinnerlicht mich als
Dopplung des abwesenden Schützen und des abwesenden Opfers in
die Geometrie ihres Dramas. Erst im Entfernen des geflügelten
Schützenblickes, dem Geschoss, aus dem perforierten
Körper des Opfers, repräsentiert durch die
Lichtprojektion in die Kammer meines Augapfels, steigert sich mein
Dasein zu einem Insein einer längst vergangenen
Handlung.
Undenkbar ist diese Wandlung ohne den kolossalen
Engel und dessen Indizien einer kurzweiligen, aber durchdringenden
Beziehung.
Die materielle Verdrängung seiner
bronzeumhüllten Flugbahn im Schnitt mit dem
Geschwindigkeitsvektor des Geschosses verkehrt ihn in die Heimat
seines Auftrages, der Mittlung einer kosmologischen
Vertikalität in Eintrübungserscheinungen abwesender
Fluchträume des Gesichtkreises.
Der Geierengel, der von einem Bildhauer Geier
modelliert wurde und zur Zeit der Kollision mit der Ballistik des
Projektils 41 Jahre alt war, hält in seiner rechten erhobenen
Hand einen Zipfel wie eine Fackel im Flugwind. Er ist das eine Ende
eines seinen Körper androgyn umfließenden Schleiers,
dessen auf der Plattform angestauter Faltenwurf den 10 cm über
dem Boden schwebenden Füssen das Tragen seiner tonnenschweren
umhüllten Flugbahn abnimmt. Zentriert in einem
ringförmigen, von jüngeren Bäumen gesäumten
Gehweg erscheint er aus der Vogelperspektive als eine aus einer
irdischen Pupille aufsteigende, durch den wehenden Schleier
zusammengehaltenen Collage vogelartiger und menschlicher
Attributive des Raumes. So kann es der Schütze gesehen haben,
als er aus seinem Flugzeug den sich aus seinem Blickfang stehlenden
Soldaten verborgen hinter seiner Markierung durch den Engel ins
Visier nahm. Davon zeugen einige weitere Geschossbahnen, die den
Flügel als Schirm von seiner Innenseite durchschlugen und
später aus einem etwas verschobenen Ort im Himmel die obere
Flügeldecke in engerer Streuung touchierten. Immer wieder
deuten die mehr oder weniger spitz zu Boden verlaufenden Winkel der
Schussbahnen darauf hin, dass dem Verfolgten die Sicht hinter
seinem vermeintlichen Schutz genommen war. Stattdessen gewann der
Schütze mit dem Engel Übersicht. Mit dem Zeigefinger
löste in Dürers Sinne (»tem perspectiva ist ein
lateinisch Wort und bedeutet Durchsehung«)1 sein
Tiefensehen Zweckorientiertheit aus und erschoss den Verfolgten
wahrscheinlich in der Durchlöcherung des Zieles, dem
Engel.
Ich weise an dieser Stelle auf das Durchsieben
vermeintlicher Schutzhüllen, Fluchtautos u.a.m., als
Todesmetapher und motivisches Mittel einer unwiderstehlichen
Wirksamkeit der Macht des Guten, in Gangsterund Mafiafilmen wie
Bonnie and Clyde und Once upon in America hin. Die
Hinrichtungsszene Bonnies und Clydes ist schon in der vektoriellen
Ausrichtung der Architektur des Kinosaales angelegt. Von der
Leinwand geschnitten illudiert der Projektionskegel derLaterna
magica einen szenischen Raum, in der die Ausrichtung des
architektonischen Behältnisses ungebrochen seine Fortsetzung
findet. Durch das imaginäre Kameraauge transzendieren sich die
versammelten Blicke der Zuschauer in die Rückendeckung locker
gruppierter Polizisten im Lichtbild, die halbautomatische Waffen im
Anschlag orgiastisch mit hunderten von Schüssen die Seite des
Fluchtautos durchsieben. Die aus dem Gesichtskreis der Kamera
geschnittene Fluchtbewegung Bonnies und Clydes reißt abrupt
und anonym in der Ansicht einer Lochkarte ihrer Kabine, durch die
sich das Auge der Öffentlichkeit einen illuminierenden Zugang
verschafft, ab. Das Vehikel der Fluchtbewegung, fixiert im
szenischen Schein der Projektionseskapade, wandelt zu
einerCamera obscura. Die durchlöcherte Seite des Autos
könnte Bilder eines Polizeieinsatzes, eines Drehortes, einer
Kinogesellschaft im astralen Lichtmuster auf Bonnies und Clydes
Körpern, die wahrscheinlich durch den Druck unzähliger
Einschüsse vor den Hintergrund ihrer Kabine geworfen wurden,
einfallen lassen.Il sole non vide mai nessuna ombra ist auch
die Schwäche einer institutionalisierenden monotopen
Wahrnehmung der Laterna magica, die in den
Einschusslöchern lediglich die Streuung seiner Strahlendosis
beschreibt und den Zuschauer im Punctum seines Bildes erblinden
lässt. Geführt vom Lichtstrahl endet der Blick des
Zuschauers mit dem Bild einer durchschossenen Karosserie verlegen
im Verlust seines verflüchtigten (Lebens-) Raumes.
Schnitt!
Die Einschüsse des Engels hingegen öffnen
das Behältnis seiner weltlichen Gestalt, ohne dessen
nächtlichen Raum zu leeren und zu durchleuchten. Aussparungen
füllen sich taghell ohne zu verschließen. Die erbrochene
Durchsichtigkeit der Engelskapsel spationiert seine Dunkelkammer zu
einer Topographie, einer Raumstation allgegenwärtigen Sehens
selber. Die aerodynamische Abformung des Geschosses durch den Engel
klammert die gerissenen Löcher als meine linearperspektivische
Durchsicht in eine Welt ihres realen Modells, dem Schuss des
Schützen aus der Zelle seines mobilen Ortes, Disposition der
ereigneten verborgenen Handlung.
Als Io durch Hermes aus Argos’ Gefangenschaft
befreit wird, pflanzt Hera im Gedenken an den heimtückisch
ermordeten Riesen dessen Augen in die Schwanzfedern des Pfaus und
befahl einer Mücke, Io zu stechen und über die ganze Welt
zu verfolgen.2 Das allgegenwärtige
Gesehenwerden durch Argusaugen ist uns somit im doppelseitigen
Wirken eines spektralen Lichtreflexes ineinander verzahnter
Äste von Pfauenfedern3 überliefert. Das Konzil von
Nikaia, welches im Jahr 787 entschied, dass es rechtens sei, Engel
in Gemälden und Skulpturen abzubilden, ebnete den damaligen
mit neuer Verantwortung ausgestatteten Künstlern somit auch
den Weg zu ihren heidnischen Inspirationsquellen. Das beäugte
Federkleid des Erzengels Michael beispielsweise verweist nicht nur
auf den Pfau und Argos, sondern auch auf die geflügelten Wesen
Nike und Amor, den Vorbildern seiner äußeren Darstellung
in der klassisch griechischen Antike hin.
Ganz im Gegensatz zum doppelt reflektierten
Pfauenauge trennt sich Brunelleschis Camera obscura dem
einfallenden Licht nach in die Staffelung einer Lochwand, dem
durchstochenen imaginären Tafelbild und seinem
Projektionshintergrund. Unter seinen Bedingungen flüchtet der
Raum einseitig in die Reflexion seiner bildlichen
Darstellung.
An derselben Stelle, wo die Äste der
Pfauenfeder sich um den Schaft zu einem schillernden Lichtspiel in
ringförmigen Spektren einer Augenerscheinung verhaken, klafft
das Loch eines Schusses durch die modellierte Fingerfederschwinge
des bronzenen Engels.
Mit der Geste des Ausbesserns lege ich meine mit
Abformmasse gefüllten Hände zeitlich versetzt je einmal
auf die Innen- und Außenseite des Flügels und forme
somit die Masse in die Löcher ein. In der Mitte stoßen
die beiden Massen aufeinander und verschließen
druckknopfartig die Ausklammerung des perspektivierten Ereignisses,
welche die Feder als Schuss in den Händen
ausspart.
Die mit Korpuskularstrahlen durchschossene Abformung
(Foto:
→ MIR näher als Ich [Ansicht, Link],
Wachsobjekt, Röntgen) des Schusses in den Händen
zeigt die Verraumung des perspektivierten Ereignisses in der
gewonnenen Nähe zwischen linker und rechter
Handinnenfläche als die Anlage einer doppelseitig
funktionstüchtigen Camera obscura.
Die Durchsicht begrenzt sich im aufgefüllten
Schussstollen durch die Berührung der Handteller mit den
Federoberflächen. Der dazwischen sich abzeichnende Schussein-
und -austritt zeigt das Pfauenauge als eine Zelle der Raumflucht
und des Fluchtraumes zugleich und die Hände als deren
beiderseitigen Verschluss. Öffne ich allerdings die Klammer,
indem ich eine Hand kurzzeitig wegziehe, so fällt die
räumliche Disposition jeweils einer Hälfte des
Ereignisses als Lichtbild auf den die andere Hälfte
abdeckenden zweiten Handteller. Die Zone des Wundmales in der
Überlagerung durch den Handteller, ersichtlich in der
Betrachtung des Röntgenbildes, und der Feder wird so zu einem
operationalisierten Sehen aus der Betroffenheit (Betreffen), der
möglichen Verwundung und Tötung des Soldaten und vice
versa des Schützen. Somit ist das ausgeklammerte Ereignis
durch meinen einformenden Zugriff mir näher als
Ich.
Herzlichen Dank an Albert Ebert für das
Mitwirken als Modell.
MIR näher als Ich ( → Ansicht) erscheint auch als Edition. Sie beinhaltet: MIR näher als Ich I (Schuss in den Händen). Wachsobjekt, lebensgroß MIR näher als Ich II. (Foto) 13x13cm Geschoss und Engel – Blick in die Geometrie eines Tötungsdeliktes. Die Edition Mir näher als Ich, Anselmo Fox 2003, wird in einer leinengebundenen Kassette mit Goldprägung in einer Auflage von 10 Exemplaren zu einem Stückpreis von €500 angeboten. Interessenten melden sich unter anselmo.fox@gmx.de Quelle: PLURALE 3 (2003), 291–304
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