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Plurale 2 (2003) - Natur
Heft 2 - Natur; erschienen im August 2003
Covergestaltung nach einem Entwurf von Tom Leonhardt

Inhalt
Natur, ein Thema für PLURALE. Vorwort
Editorial
Exposé zum Thema des Heftes: Natur
Gespräche
Verstehen, was wir kennen. Interview mit dem Biophysiker Thomas Höfer
Notationen
Das Tier im Bild oder Der Blick des Anderen. Von Jessica Ullrich (→ English Summary)
Von der fotografischen Natur zweier Kakteen. Von Marc Ries (→ English Summary)
Vom heiligen Hain der Baumseele zur städtischen Grünanlage. Naturgeschichte der Naturbeherrschung durch Baumfäller. Von Ulrich Holbein (→ English Summary)
Natürliche Morphologie. Von Rüdiger Harnisch (→ English Summary)
Mathematik und Natur. Von Ralf Wilhelm Muno (→ English Summary)
Das Bild vom Bild vom Bild der Natur. Tom Leonhardts GIARDINI-Zyklus. Von Mirjam Goller (→ English Summary)
Bild - Teppich - Garten - Bild. Ästhetik der Natur und Flächen der Landschaft im Paradigma der Physikotheologie. Von Igor Polianski (→ English Summary)
Die Domestizierung der wilden Natur. Stadt, Natur und Weiblichkeit am Beginn der modernen Stadtplanung: Das Beispiel Haussmann. Von Susanne Frank (→ English Summary)
Kampagnen
Mode ist vielleicht nur ein Satz: Die KALB Fabrikverkauf GmbH. Von Brigitte Obermayr
Transpositionen
Die Divergenz der sichtbaren Sprache: Hermeneutik und Philologie. Von Ernő Kulcsár-Szabó, aus dem Ungarischen übertragen von Christina Kunze (→ English Summary)
Auktorial
Auspizien
Exposé zum Thema des nächsten Heftes: böse



Exposé

Natur
[...] greifen wir als einen Leitfaden neben anderen den Gegensatz Natur/Kultur heraus. Trotz all seiner Verjüngungen ist dieser Gegensatz gleichursprünglich mit der Philosophie. […] Vom Gegensatz physis/nomos, physis/techne ausgehend ist er durch eine ganze historische Kette bis zu uns fortgetragen worden, indem die »Natur« dem Gesetz, der Institution, der Kunst, der Technik, aber auch der Freiheit, der Arbitrarität, der Geschichte, der Gesellschaft, dem Geist usf. entgegengesetzt wurde.
Jacques Derrida

.... so you think you can tell ... Heaven from hell ...?
Pink Floyd

Das Wort Natur treibt Blüten:
Vage Bilder von grünem Wuchern. Dschungelgedanken, die sich so ungeregelt und vielfältig ranken wie das Konzept Natur selbst. Natur ist Gegenstand und Legitimation für manche ästhetische Option und manche Politik. Natur kann als Ursprung gedacht werden oder - »Zurück zur Natur« - als immergrünes Telos (oder Nostos) einer an sich selbst erkrankten, überzivilisierten urbanen Welt.
»Ursprüngliche Natur ist so wenig wiederzugewinnen wie das authentische Subjekt - wenn es beide denn je gegeben hat.« (Hartmut Böhme, Natur und Subjekt). Aber das Thema fordert eher heraus als zurück. Natur ist nicht nur selbst, sie ist damit auch ihres Gegenteils verlustig gegangen. Mit der Moderne scheinen ›Rückgriffe‹ auf die Natur, die vermeintlich primäre Ordnung, die eigentlichen Verfremdungseffekte zu sein. Es ist ein dichtes Verwachsen-Sein der Konzepte, ein Verwurzeltsein in Entwurzelungen.
Das scheinbar selbstverständliche Gegensatzpaar Natur -Kultur verwandelt sich im Garten in - epochal je neue - Gesichter von Begegnung. Der Paradiesgarten, der Garten als geheiligter Raum im alten Persien, die verschwenderischen Lustgärten und Parks ostentativ verschwenderischer Monarchen fallen ebenso unter den Begriff wie die Volksparks, Laubenkolonien und Schrebergärten der Großstädter oder die blumenreichen Wunschbilder der Bauerngärten, schließlich auch die sinnlichen Landschafts- und Erd(ver)formungen der zeitgenössischen Gartenarchitektur, land art und Geoästhetik, und vielleicht auch der breigegürtete hortus conclusus des Schlaraffenlandes, in dem die an- und zugerichtete Natur dem Menschen geradewegs ins Gesicht fliegt. Aber die Gedanken ranken sich auch um und durch die Stadt - spätestens seit dem 19. Jahrhundert ist sie (nicht zuletzt die Stadt, Paris) eigene Natur und Landschaft: Großstadtdschungel.
Natur bietet sich an als sinnlich erfahrbar: Auge, Ohr, Nase, Haut und Zunge sind Schnittstellen einer Begegnung von Mensch und Welt. Und auch dies ist nicht außerhalb einer paradoxen Transparenz zu verstehen: Es gilt als Symptom des Fortschritts, der Aufklärung, keine Wunder des Verborgenen mehr annehmen zu müssen, mit und in der Erklärbarkeit der Welt zu leben. Wo das Geheimnis fehlt, wird alles zur reinen Natur, und die technische Reproduzierbarkeit belangt in ihrer Explizität schon lange nicht mehr das Kunstwerk, die Kultur: Sie betrifft vor allem die Natur.
Natur ist aber nicht nur spekulative Beschreibung anderer Räume, eines unzivilisierten Außen, sie dient auch als Garant für Echtheit der Herkunft. Fotografie, die das Abgelichtete realer als jedes Gemälde erscheinen ließ, stellt im 19. Jahrhundert den Gipfelpunkt einer Sehnsucht nach dem getreuen Abbild der Natur vor, gleichzeitig aber auch die Differenz zum Original. Rodin wurde der Prozess gemacht: 1877 warf man ihm vor, er habe die Skulptur Das eherne Zeitalter nach einem direkten Abguss vom lebendigen Modell gemacht. Er hatte mit Photographien gearbeitet und war auch sonst kein schlechter Künstler. Ein halbes Jahrhundert später war der Schock noch nicht verwunden: Die Theorie des Films entzündete und entfaltete sich an der Frage, ob die Wahrheit des Mediums in seiner Naturtreue oder der herausfordernden Künstlichkeit seiner Montagen und Collagen von Welt liege.
Damit ruft der Begriff Natur einen weiteren Gegenpart auf den Plan: Kunst und Künstlichkeit. Kunst als nobilitierende Überformung eines scheinbar ursprünglich Gegebenen; morbide, krankhafte Künstlichkeit als Perversion des gesunden Natürlichen. Kunst scheint auf als zivilisatorische Leistung am Material, Kunst betreibt aber auch die Abwendung von der Lebendigkeit einer wuchernden Natur in der Natur e morte oder im Sinnbild der Totenmaske.
Denken an Natur treibt über die Ranken und Wurzeln hinaus, hinunter: Zum Stein, der als hartes, kompaktes oder in sich geschichtetes, zerbröckelndes Material Fundament und konstitutives Moment für vermeintliche Gegenwelten zur Natur bietet - in den Realisierungen architektonischer Träume, in den Stadtlandschaften. Das Bauen (die Konstruktion und die Struktur) als so sichtbares wie verborgenes Denkgerüst des 20. Jahrhunderts.
Die Vorstellung von der Gewalt, die in der Natur steckt: Naturgewalt als Urgewalt, die immer wieder, blitzartig oder kriechend-geduldig, zivilisatorische Sicherheiten erstürmt und zerstört. Natur wird zum Denkrahmen fürs unbezähmbar Andere, das vor die Tore einer wachsamen, befestigten Zivilisation verbannt oder, in psychoanalytischer Perspektive, verdrängt wird. Natur ist gelesen worden als Chiffre fürs Göttliche und seinen Plan - die permanente Bedrohung durch Natur aber mochte weniger Zeugnis ablegen vom Plan denn von seinem (vorläufigen) Scheitern, vom Sündenfall: die ge- und verstörte Schöpfung. Ge- und verstört, nun (endlich?) selbst gefährdet, zerbrechlich, unschuldig, vielleicht aber auch rachsüchtig, erscheint Natur schließlich in ihrer gedanklichen und realen Zurichtung zur Umwelt - die zweite Natur der verwalteten und verwaltenden Welt.
Unsicher schweift unser Blick in die Natur zwischen dem Faszinosum der Wildheit - das geschmeidige Tier - und dem Ekel - das widerliche Tier - jenseits der berechenbaren Bewegungen der domestizierten, denaturierten Gefährten. In und aus Angst und Lust bringt Natur immer wieder Triebe hervor: Der nackte Körper (oder das Bild, die Vorstellung davon) als Objekt des Begehrens und gleichzeitig als wahre, unverhüllte und unverstellte Form. Ein nackter Körper kann Rührung wecken ob seiner Hilflosigkeit, Zerstörungsphantasien ob seiner Ungeschütztheit oder Achtung ob seiner Nähe zu den Grenzbereichen des Lebens: Geburt und Tod.
Denken an Natur treibt aber nicht nur assoziative Blüten, sondern auch die Frage nach dem Vermessen der Natur und dem Sprechen über Natur: Wie versuchen wir, die Natur in den Griff von Maß, Zahl und Gewicht zu bekommen, und wie unser Nachdenken über Natur? Wo wurzeln all die Phantasien über das Objekt Natur? Wie besprechen die Naturwissenschaften ihr weitverzweigtes und dichtverwachsenes Objekt, und wie sprechen wir über diese Sprache? In der evolutionären Erkenntnistheorie sind Naturwissenschaft und ihre philosophische Kritik in eins geflossen, die Kantschen Kategorien renaturiert und Goethes sonnenhaftes Auge nachträglich ins Recht gesetzt. Aber auch darüber hinaus erlebt Darwins Idee von Evolution ihren zweiten Frühling und befruchtet noch einmal nahe und ferne Disziplinen und macht die Biologie zum Fokus und Nexus der Wissenschaftslandschaft.
Aber Wachsamkeit ist angebracht: Von der »Natur einer Sache« bzw. der »Sache der Natur« zu sprechen, zeugt nicht vom Vordringen zu den Wurzeln des Problems, sondern zunächst einmal vom Versuch argumentativer Selbstermächtigung. Als Zuflucht und letzter Grund ist die Natur nicht gut geeignet - allzu rasch überwuchert sie die Gewissheiten.

Quelle: Plurale 2 (2003), 9–12