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Plurale 3 (2003) - böse
Covergestaltung nach einem Werk von Harald F. Müller
Inhalt
Böse. Vorwort
Editorial
Exposé zum Thema des Heftes:
böse
Notationen
Das Böse - Fragen und Antworten des
frühen Christentums.
Von Katharina Bracht (→ English Summary) Bösartige Gegenspieler, gutartige
Probleme.
Von Anuschirawan Taraz Die boshafte ›Vernunft‹.
Von Matthias Meindl Wissen ist Macht. Marquis de Sade und der Gestus
der Aufklärung.
Von Mirjam Goller Schüttere Stellen. Les Lieux du mal
bei Nikolaj Gogol' und Thomas Bernhard - Zu Ort und Raum
ästhetischer Erfahrung.
Von Brigitte Obermayr (→ English Summary) A culture is no better than its woods - Genre,
Musik und Geräusche in The Blair Witch Project.
Von Guido Heldt Das Böse mit Worten bezwingen.
Von Isabella Willinger (→ English Summary) Das Böse in Alain Badious Ethik der
Wahrheiten.
Von Wilhelm Roskamm (→ English Summary) Crime does pay! Die Produktivkraft des realen und
imaginierten Verbrechens für Architektur und
Stadtplanung.
Von Michael Zinganel (→ English Summary) Böses auf Erden? Versuch über den
Diskurs der Gewalt.
Von Dierk Spreen Bündnisse des Bösen. Zur Faszination von
Verschwörungstheorien in der Medienkultur der Weimarer
Republik.
Von Ralf Klausnitzer Gespräche
In den Dunkelkammern der Moral das Böse zum
Guten umlügen.
Interview mit Diskursive Poliklinik Kunst
Geschoss und Engel. Blick in die Geometrie eines
Tötungsdelikts.
[→ zum Text] [→ zu den Abbildungen] Von Anselmo Fox Kampagnen
Transpositionen
Die freie Linie, die richtige Linie.
Von Manlio Brusatin, aus dem Italienischen übertragen von Sabine Schulz Auktorial
Auspizien
Exposé zum Thema des nächsten Heftes:
→ Werkzeug
Exposé
böse
Es ist schwieriger, Gott zu lieben als an ihn zu
glauben. Charles Baudelaire, Vorwort zu Die Blumen des Bösen Das Böse ist immer und überall. Erste Allgemeine Verunsicherung
Immer und überall mag es sein, das Böse
- aber wie böse ist es? Die Grammatik ist keineswegs
neutral: Zwischen Dem Bösen, substantiviert und
(damit) verabsolutiert, und dem Hinweis, man habe sich
böse den Kopf gestoßen, erstreckt sich eine
Welt von Bedeutungen. Was tut das Böse, wie ist man
böse? Kann Macht gut sein? Ist Gewalt, immer böse? Oder
kann sie gut sein, wenn Gewaltlosigkeit nicht nur in
egoistischer, sondern auch in altruistischer Perspektive dumm
wäre? Ist die ethische und rechtliche Qualität des
Bösen an ein Bewusstsein gebunden? Ist die Natur böse?
Ist die Eigendynamik wissenschaftlichen Fortschritts und sind die
Nebenwirkungen technischer Errungenschaften eine Geisterplage,
die wir nicht mehr loswerden?
Es ist leicht, Verwirrung zu stiften mit
Begriffen, die von der Kraft des Polaren aufgeladen zu sein
scheinen, sich aber nicht nur bedingen, sondern vielleicht
vielfältiger durchdringen, als es uns lieb ist.
Böse tritt zuerst einmal als Adjektiv auf -
die fällige grammatische Ergänzung nach den
Substantiven Oberflächen - PLURALE 0(2001) und
Natur - PLURALE 2 (2003) und dem Verb fallen -
PLURALE 1(2002). Das schließt die Beschäftigung mit
den Substantiven, den Substantivierungen des Bösen nicht
aus; aber es zwingt zur Differenzierung - wichtig bei einem
Begriff, der zur Maßlosigkeit verführt.
»Das Böse ist immer und
überall« - aber man kann es gleichwohl lokalisieren:
Das Böse hat in eindeutig westlicher Perspektive in der
jüngeren Geschichte Orte: »The evil Empire«
(Ronald Reagan). »The axis of evil« (George W.
Bush).
Das Böse war aber schon immer verknüpft
mit der Vorstellung vom Ort der Hölle in der Unterwelt, dem
Reich der Schatten. Aber ist dieser Ort als solcher
überhaupt böse? Oder ist sie nur der Ort, an dem - in
christlicher Perspektive - das vollbrachte Böse, das
böse Tun wieder austariert und die moralische Welt ins
Gleichgewicht gebracht wird, oder an dem, in antiker Perspektive,
jene verwahrt sind, die wider die Götter gehandelt
haben?
Und wenn das Böse einen Ort oder Orte hat -
hat es auch eine Zeit? Wenn, dann nimmt die Einordnung einer
Epoche als böse wohl eher Vergangenheit und Gegenwart
in den Blick, während man - hoffnungsfroh, aber vielleicht
irrig - die Zukunft dem Guten (oder zumindest der Besserung)
zugehörig verordnet.
Und schon der Rückblick auf Vergangenes wirft
eine weitere Frage auf: Welche Handlungen, Urteile, Vorschriften
etc. galten in anderen Zeiten als berechtigt und verfügten
damit über eine juristische und/oder ethische
Rückversicherung, die ihnen in neuerer Perspektive entzogen
ist? Und wann und wie vollzog sich dieser Wandel? Wie
verhält sich die Rechtswissenschaft zu derlei historisch
belegter Relativität?
Und schließlich die zeit- und ortlose Frage:
Wie sieht das Böse aus? Ist der Teufel hässlich? Und
wenn ja, seit wann? Hat er - so eine volkstümlich
kolportierte Eigenschaft seiner Anatomie - einen Pferdefuß?
Und warum führt der Pferdefuß als diabolischer
Körperteil nicht zu einer Verdammung dieses Tieres? Warum
wird dieses - ganz im Gegenteil! - zum Unterpart zahlreicher
Herrscherstatuen?
Aber das Hässliche kann auch das rührend
verborgene Gute sein, wie es prototypisch im Grimmschen
Märchen vom Tausendschönchen (Die Schöne und
das Biest) aufscheint; oder es kann das Böse sich hinter
der Schönheit verbergen.
Die Zuschreibung böse ist kaum von
Identifikation getragen: Der Hinweis, etwas sei böse, stammt
stets von der Seite des Nicht-Bösen, vielleicht des Guten.
Diese Position aber ist parteiisch: Sie vernachlässigt, den
Sexappeal des Diabolischen, den das böse Tun sowohl auf den
Akteur ausüben kann wie (möglicherweise) auf jene,
denen Böses angetan wird. Die Spielarten der Lust am
Bösesein sind markiert mit dem Namen Marquis de Sade
und haben in der Lust am Bösen, das einem angetan wird, nur
scheinbar einen Gegenpart: Denn kann derjenige, dem Böses
angetan wird, in der Position des Opfers damit automatisch gut
werden? Und noch mehr: Wenn beiden Seiten durch das Böse
Lust erfahren, verschwindet es nicht per se? Oder verliert das
Böse an Bösheit, wenn wenigstens einer am Bösen
seine Freude hat?
Und könnte das, was auf manche böse
Auswirkungen hat, in der Logik eines guten Gedankens stehen, wie
der in der Rezeption verteufelte Niccoló Machiavelli mit
seiner im Il Principe formulierten Staatsräson
erfahren musste? Oder könnte das, was einigen wenigen
schadet, einem Gemeinwohl zuträglich sein, wie es John
Stuart Mill oder Jeremy Bentham in ihrem Utilitarismus
ausgeführt haben?
Ist Bösesein überhaupt ein Maß, an
dem nur der Mensch gemessen wird? Wie böse ist die Natur -
im klassischen Sinne als feindliche Umgebung des Kulturwesens
Mensch gedacht? Konrad Lorenz' Das sogenannte Böse
als Naturgeschichte der Aggression wertet den Nutzen des
eben ›so genannten‹ Bösen auf und um zur
Frage: »Wie unschuldig ist sie?« Manchen mag die
Sehnsucht umtreiben nach einer Zeit ohne Reflexion, »before
the birth of consciousness, when all went well« (Thomas
Hardy, Before Life and After). Muss man von sich wissen,
um böse sein zu können? Und was muss man von sich
wissen? Der über Gefängnisjahre entscheidende
Unterschied von »Mord« und »Totschlag«
macht es deutlich: Böse ist der, der kontrolliert Böses
tut. Im Totschläger hingegen wallt das Böse auf, sucht
ihn heim, spielt sein eigenes Spiel. Heißt das, dass die am
bösesten sein können, die sich und die Dinge am
genauesten sehen (oder dies zumindest glauben)? - Wie John
Miltons Satan, wenn er die Hoffnung aufgibt: »So farewell
hope, and with hope farewell fear,/Farewell remorse: all good to
me is lost:/Evil be thou my Good.« Oder wie Shakespeares
Don John in Much Ado About Nothing, der niemandem zu
Gefallen sein möchte und in grundböser Ehrlichkeit
weiß, "I am a plain-dealing villain.« Und diesseits
dieser Spielklasse - warum und wie werden die Normalbösen
böse (und wie bleiben sie gut, oder werden es wieder)? Gibt
es eine Veranlagung zum Bösen (die beständig
eingedämmt und bekämpft werden muss), oder ist es eine
Degenerationserscheinung (die vorab verhindert oder, wenn
eingetreten, geheilt werden muss)?
Und ist das Böse - sieht man von der
kulturhistorisch vollzogenen Trennung von Mensch und Natur ab -
stets belebt? Belegen wir nicht auch höchst
unerwünschte Systemzerstörungen von Computern durch
destruktive Programme - Viren - mit dem Bannspruch
böse?
Diese Fragen lassen sich vom Individuellen ins
Generelle (und Theologische) extrapolieren: Wie kommt das
Böse in die Welt? Und was ist sein Status dort selbst? Wie
verhält es sich zum Guten? Ist es die degenerierte,
irregeleitete Form guter Absichten, wie es die Idee des
gefallenen Engels vorstellt, oder einfach der Gegenpol des
Guten?
Ist es seine Kehrseite und sein Spiegelbild,
versteckt sich hinter jeder guten altruistischen Absicht eine
böse egoistische, wie es die freudianische Psychoanalyse mit
ihrem Lustprinzip vorschreibt? Und ist in diesem Jenseits denn
das verortet, was man für wahrer halten muss als das, was
sich an der Oberfläche herumtreibt? Oder ist das, was wahrer
ist, im Nietzscheanischen Sinne Jenseits von Gut und
Böse?
Vielleicht liegt hier der Ausgangspunkt für
eine verbindliche und verbindende Methode, über die Grenzen
der Disziplinen hinweg, wie sie PLURALE für jedes Thema
umtreibt, wie es für das Urteil und das Thema böse aber
vielleicht noch offensiver eingefordert werden muss. Die Frage
nach »Was wurde (und wird) wann, wo, von wem und aus
welchen Gründen als böse erkannt, benannt,
gehandelt?« ist eine, die man nur gemeinsam beantworten
kann. Die Disponiertheit der eigenen (disziplinären)
Erkenntnis scheint kaum je mehr auf als in der Zuschreibung eines
Werturteils. Denn die Frage nach der Legitimation einer solchen
Zuweisung bringt die Frage nach Strukturen und Kategorien ins
Spiel, die diese auslösen. Denn vielleicht - muss man sich
im Nachdenken über das Wort böse sagen - kann
ein solch selbstsicherer Zugriff selbst schon böse
sein.
Quelle: Plurale 3 (2003), 9–12
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