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Plurale 4 (2005) - Werkzeug
Covergestaltung nach einem Werk von Irene Suhr
Inhalt
Etwas zuvor
Editorial
Exposé zum Themenheft
Werkzeug
Notationen
Das Werkzeug aller Werkzeuge Von Georg Negwer Jenseits des Zünders. Selbstmordattentäter zwischen Altruismus und Selbsterfüllung
Von Daniel Gerlach und Jörg Silbermann Folterkammer – Kunstkammer. Werkzeuge der Wissensvermittlung
Von Wladimir Velminski Werkzeuge für ein Menschenbild. Neurophilosophische Grenzbetrachtungen
Von Jürgen Reiss Casus Instrumentalis - ›Werkzeugfall‹ und
Nomina Instrumenti - ›Werkzeugwörter‹
Von Rüdiger Harnisch Tanz der Artikulationsorgane. Erkundungen des Elementaren im Sprechvorgang in der akustischen Kunst nach 1945
Von Annette Gilbert Get rid of the KUNSTWERK. Über die Notwendigkeit tools zu ergreifen und zu benutzen
Von Mirko Winkel Der Computer als Fundamentalwerkzeug in meiner Musik
Von Mario Verandi Jackson Pollocks diagrammatische Malerei. Überlegungen nach Greenberg und Deleuze
Von Wilhelm Roskamm Graffiti – Zug und Entzug der öffentlichen Signaturen
Von Simon Strick Mythoepisches Sprechen in Celans Tenebrae
Von Karl Vajda Gespräche
Interview mit dem Bühnenbildner Alexander Martynow
Transpositionen
Gegenständliches Wunsch- und gestaltloses Genussobjekt. Phänomenologische und psychologische Ästhetik der 1920er Jahre in der Staatlichen Akademie für Kunstwissenschaften (GAChN, Moskau)
Von Igor' Čubarov Auktorial
Auspizien
Exposé zum Thema des nächsten Heftes:
→ Gewinn
Exposé
Werkzeug
Reißen heißt hier
Herausholen des Risses
und den Riß reißen mit der Reißfeder auf dem Reißbrett Martin Heidegger Werk/Zeug: Um-zu / Dass-mit
Es gibt wohl wenige Begriffe, wenige Kategorien, die sich so plural über die Grenzen wissenschaftlicher Disziplinen breit gemacht haben wie das Werkzeug. Zumindest zwei Dimensionen (wissenschaftlichen) Arbeitens treffen sich darin: Jene der Methode, des Verfahrens, des Auseinandernehmens (der Analyse); und jene der Apparatur, des Instrumentariums, der Gerätschaft. »Werk-Zeug«: Der zweite Wortteil, der das zur Ver- und Anwendung Bereitgestellte anspricht, gesellt sich zum Bereich des Ge- oder Verarbeiteten, des zu Verbreitenden und zu Rezipierenden - zum »Werk«. Von dieser mindestens doppelten Dimension (weitere zu finden ist eine Einladung an die Autorinnen und Autoren) gehen wir aus: Die »Um-, Zu- und Womit-Dimension« des Werkzeugs, seine Wahl, seine Verwendung, sein Einsatz, seine Erarbeitung und Verfeinerung sind nicht zu trennen von der »Dass-mit-Faktizität« des Werkzeugs. In PLURALE 4 (2004) sollen die Werkzeuge der Disziplinen in den Blick genommen werden. Das betrifft die Ausrüstung von Laboratorien und die damit gemachten und daraus folgenden wissenschaftlichen Erkenntnisse ebenso wie die Bildung von abstrakten Begriffen zum Herauspräparieren analytischer Ergebnisse. Sehen wir uns also um auf den Schreibtischen, den Arbeitsplätzen, in den Werkstätten, Laboratorien, Hörsälen, Bibliotheken, in unseren Schreibtischladen, Aktentaschen. Sehen wir uns um auf Operationstischen, Intensivstationen, in Tonstudios und Orchestergräben, Gerichtssälen und auf Gefechtsplätzen. Sehen wir uns unsere Hände an. Wie weit dürfen wir gehen auf der Suche nach dem Werkzeug? Bis in die Teeküchen, Mensen, Bars, Biergärten; in die Fitnessstudios, auf die Spazierwege? Wo finden wir unsere Werkzeuge, wie und mit wem erfinden wir sie? Was erfinden unsere Werkzeuge? Erfinden sie uns? Welche Verben benennen unser Werken? Handwerk-s-zeug Der Handwerker ist selten wirklich einer - viel öfter ist er ein Zeugwerker; einer, der mit seinen Händen das Werkzeug führt, das ins Material eingreift und das Werkstück erzeugt. So elementar sind die Werkzeuge, dass sie zu Zunftzeichen geworden sind, zu Inbildern kundigen Machens und Tuns. Ein Geschwister des Handwerkers ist der Bastler, der Heimwerker, dessen gut gefüllter Hobbykeller zum Klischee männlicher Selbstprojektion und eines männlichen Fluchtraums geworden ist. Die Werkzeuge des Ingenieurs sind weniger plastisch, weniger typisch, bewegen sich fort von der innigen Verbindung zum Stoff, zum spezifischen Material, das zum Werk zu formen ist, und hin zum Allgemeinen, zur Abstraktion, zur Möglichkeit als Bestimmung: allen voran im Ingenieurskopf selbst und in seinem verlängerten ›Arm‹, dem Computer (bzw. in der anthropomorphen Prothese: dem Roboter). Bearbeitet werden im Computer nicht die stofflichen Dinge selbst, sondern ihre Repräsentationen. Die alte Begrifflichkeit aber zeigt ihr Beharrungsvermögen: Auch in seinem Rechner findet der Benutzer eine Fülle von tools, von kleinen, ›handlichen‹ Programmen, die kleine, spezifische Funktionen erfüllen. Aber auch die universalen Instrumente, auch Kopf und Computer zielen am Ende aufs materiale Werk - auch der Ingenieur ist, ebenso wie der Handwerker, selbst Werkzeug einer weit ausgreifenden Arbeit an den Sachen. Wo es sich aber nicht um die Arbeit an der Materie handelt, sondern um die an Daten, wird die Virtualisierung des Werkzeugs allseits ersichtlich: Tintenfass und Gänsekiel, Füllfederhalter, Kugelschreiber, Bleistift, Anspitzer, Radiergummi und Durchschlagpapier verschwinden im Textverarbeitungsprogramm; Aktenmappe, -ordner und -schrank, Hängeregister und Karteikasten in der Datenbank; und nur das Surren und Klackern des Druckers gibt der kruden Materie eine leise Stimme. Einstweilen noch hält die Angst vor Computercrash und Datenverlust die Vision des papierlosen Büros auf Armeslänge; das Menetekel für eine ganze Werkzeugwelt aber steht an der Wand (und auf dem Flachbildschirm). Auch Wissenschaftsgeschichte und -theorie berücksichtigen das Werkzeug als Kategorie: Apparate und Messinstrumente bearbeiten weniger die Dinge als die Fragen, die sich in ihnen verbergen oder die wir darin sehen (wollen); aber mit ihren Möglichkeiten legen sie uns auch die Fragen in den Mund, die wir an die Dinge stellen. Für das Verhältnis von Erkenntnisinteresse und Erkenntnismöglichkeit, von Motiven und Mitteln in der Wissenschaftsgeschichte ist die Frage nach den Werkzeugen elementar - nach den materialen ebenso wie nach den abstrakten, den Theorien und Methoden. Die Medientheorie richtet ihren Blick besonders auf diesen Aspekt von Wahrnehmung und Erkenntnis: »Das Medium ist die Botschaft« heißt jener berühmt gewordene Slogan des Medientheoretikers Herbert Marshall McLuhan, der dem Inhalt jegliches Gewicht abspricht im Vergleich mit dem ›vermittelnden‹ Instrumentarium: Buch, Film, Schreibmaschine, Monitor etc. prägen uns durch die Form des Umgangs mit ihnen und den von ihnen vermittelten Informationen, die sie uns abnötigen und die eine eigene Lebenswirklichkeit werden. Eine Gerätschaft besonderer Art ist das Musikinstrument. Die materialen Werkstücke, die es erzeugt, sind ausgesprochen ephemer: Klänge und Geräusche, deren Vergänglichkeit zu ihren wichtigsten Eigenschaften gehören. Erst in der kompositorischen (oder improvisatorischen) Anordnung dieser Ephemera in der Zeit entsteht das Werk. Und nur in eingeschränktem Sinne sind die Musikinstrumente die Erfüllungsgehilfen abstrakter musikalischer Anforderungen, sind sie die Negativformen der Werkstücke, die sie erzeugen sollen: Ebenso sehr, wie sie musikalische Phantasie zu realisieren helfen, bieten sie dieser Phantasie die Möglichkeit, sich an ihren spezifischen Eigenschaften zu entzünden - das Werkstück orientiert sich am Werkzeug, anders als bei wissenschaftlicher Begriffsbildung oder bei der Bestückung eines Labors zur Feststellung von Messwerten, wo die Erkenntnisziele die Werkzeuge vorgeben (soweit sich diese erzeugen lassen). Erst in der elektronischen Musik, erst in der Verallgemeinerung des Musikinstruments zum universalen Klangerzeuger wird es möglich, das Ergebnis zu imaginieren und das Werkzeug so einzustellen, dass just dieses Ergebnis erzeugt wird. Eine weitere Eigenschaft von Werkzeugen ist in den letzten Jahren gerade am Musikinstrument vorgeführt worden: Das Werkzeug wirkt auf den Werkenden zurück; die déformation professionelle kann ebenso nützlich wie schädlich sein. Ein Musikinstrument wird erlernt, und die (Finger-)Fertigkeit, zu der das Einstudieren virtuoser Passagen führt, erzeugt - so neuere neurophysiologische Erkenntnisse - besondere Verknüpfungen von Nervenzellen im Gehirn, eine andere, eigene Art der emotionalen, sozialen und reflektiven Intelligenz. Werkzeug und Körper - Körper als Werkzeug Bang, bang,
Maxwell's silver hammer
Came down upon her head Bang, bang, Maxwell's silver hammer Made sure that she was dead. The Beatles Unter Verdacht gerät das Werkzeug als Tatwaffe in
kriminologischen und juridischen Zusammenhängen. Die Suche
nach dem Mordwerkzeug wächst sich in Kriminalromanen (und
vielleicht in tatsächlichen Ermittlungsverfahren) zum
zentralen Erkenntnisinteresse aus, gibt die Beschaffenheit der
Waffe doch Aufschluss über Tathergang und Psychoprofil des
Täters. Das Tatwerkzeug erzeugt hier Wandlung: Es schafft
Fakten, bringt einen Menschen zu Schaden, vielleicht sogar zu
Tode, macht aus der einen Seite ein Opfer, aus der anderen einen
Täter. Am Gebrauch des Werkzeugs scheiden sich hier die
Positionen. Im Betrachten einer Waffe macht man sich ein Bild der
Tat. Unter Verdacht geraten ist das Werkzeug aber auch in ideologischen und historischen Zusammenhängen: Als Merkmale für Tatkraft und produktiven Sinn - aber auch für ein rigides Verständnis und eine rigide Konstruktion von Gesellschaft - halten Hammer und Sichel her als sinnstiftende Symbole und kennzeichnen politische Orientierung und staatliche und epochale Zugehörigkeit. Misstrauisch machen auch die Werkzeuge der Medizin, macht eine Medizin der Werkzeuge, der Apparate. Es ist inzwischen weniger das Messer des Chirurgen, das erschreckt und dem das Öffnen von Körpern lange Zeit verboten war, als die anorganischen Anschlüsse an einen Organismus in der liminalen Position zwischen Leben und Tod. Die lebenswichtigen Funktionen, die ein Körper nicht mehr eigenständig zu erbringen mag, werden ausgelagert und von Maschinen erbracht. Der organlose Körper, für den französischen Philosophen Gilles Deleuze noch theoretisches Phantasma, wird hier zum Körper mit angeschlossenen technischen Organen - und irgendwann zum technischen System mit eingebautem (Rest)Körper. Diese Entgrenzung und Auflösung des anthropomorphen Körperformats erzeugt aber nicht notwendigerweise Abwehr: In der Medientheorie ist der Datenhandschuh, der die Wirkungsmächtigkeit von Hand und Auge über und in den Computer verlängert, ins Denken und Analysieren integriert und überwiegend positiv besetzt (von den obligatorischen Dystopien der Science-ficition-Imagination abgesehen, die es für diese wie für alle anderen menschlichen Zukunftsmusiken gibt). Eine Situation der Differenz zwischen belebtem Körper und unbelebtem Werkzeug, die eine Subjekt-Objekt-Beziehung (gleich welcher hierarchischen Verteilung) ist, verschwindet, wenn der Körper selbst zur Waffe wird - sei es im konkreten Sinne asiatischer Kampfkünste, die mit leeren Hände tödlich präzise zu agieren lehren, sei es im übertragenen Sinne einer Manipulation durch körperliche Anziehungskraft oder Abstoßung. Zu fremden Präferenzen eine Bemerkung in eigener Sache Die aktuelle Hochschulpolitik wertet Ingenieurswissenschaften und Biowissenschaften auf. Die Planung einer eigenen Fakultät für Lebenswissenschaften an der Humboldt-Universität zeugt davon. In der gleichen Umstrukturierung werden von etlichen geisteswissenschaftlichen Instituten massive Kürzungen verlangt. Die Faszination des Werkzeugs und dessen, was es sichtbar macht und was es erzeugt, scheint ungebrochen. Die unsichtbar gewordenen Werkzeuge einer geistes- und kulturwissenschaftlichen Analyse geraten ins Abseits. Begriffe als ideelle Werkzeuge, die instrumentale Vernunft des denkenden Geistes als Oasen in der empirischen Wüste? Man könnte sagen: Das ist ein Hammer! PLURALE interessiert sich aber nicht nur deshalb für Werkzeug: Werkzeug ist Fundament aller Disziplinen und wird gerade deshalb zum Gegenstand für PLURALE. Quelle: Plurale 4 (2005), 9-14. Abstracts
→ Dancing organs of articulation Exploring the basics in the process of speaking in acoustical art after 1945. By Annette Gilbert
Annette Gilbert: Dancing organs of articulation
Exploring the basics in the process of speaking in acoustical art after 1945. Acoustical art after 1945 is devoted to the basic elements in the speaking
process which, until then, had not received much attention. In this regard, four favoured
fields of experiments can be distinguished. Some artists concentrate on the basics of
articulation and via experiments examine the interplay of voice, organs of articulation
and breath in the physical production of sounds, tones and noise. The human body becomes
a sound box. A second emphasis within acoustical art is laid on the psychic processes and
affects connected to articulation. Extreme body experiments up to physical exhaustion and
malfunction lead to psychic experiences of liminality, because they bring to light tabooed
energies and acoustical material. Kristeva and Barthes call these ventures into psychic and
emotional areas "Geno-Song". Another field of experiment is the phonetic differentiation of
singular sounds. Various usages of organs of articulation when producing vowels and
consonants are explored and performed in this field. In this context, breathing and
coarticulation receive special attention. Lastly, there are attempts to create a graphophonic
spatial and written realization of the voice. New techniques like stereophony permit
differentiation and localisation of sound events in (a) space. This auditory spatialization
of the voice leads to its written realization in the sense of its non-materialized inscription
in space.
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