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Plurale 7: Alltag

Heft 7 - Alltag
Inhalt

Zuvor
Editorial
Exposé zum Themenheft Alltag
Notationen
Alltägliche Dinge
Von Dorothee Kimmich
Extremistische Ästhetik. Solidarität als Widerstandsform im total(itär)en Alltag bei Daniil Charms und bei Ray Bradbury
Von Sandra Evans
Miniaturreisen. Reisen durch die ferne Nähe des Alltags
Von Bernd Stiegler
Wenn Dämonen ins Essen kotzen. Alltag und Magie in Marokko
Von Martin Zillinger
Die Nüstern der Kühe, das Knistern der Nähe. David Foster Wallace’ Reportagen aus dem Mittleren Westen
Von Christoph Ribbat
Banalisten, Realisten, Archivisten, Parodisten. Die junge polnische Literatur und Kunst
Von Renata Makarska
Häftlingstheater in sowjetischen Zwangsarbeitslagern der Stalinzeit. Ausbruch aus dem Alltag und Schaffung einer neuen Alltäglichkeit
Von Inna Klause
Extremer Alltag. Russische Kriegstagebücher im 20. Jahrhundert (Gippius, Bunin, Ginzburg, Lichacev)
Von Schamma Schahadat
Alltag und Krankheit
Von Thomas Reuster
»Nothing about Us without Us«. Empowerment als soziale Bewegung zwischen globalen Wünschen und lokalen Wirklichkeiten
Von Florian Kiuppis
Käthe Hagedorn. Ein historischer Beitrag über das unsichtbare Phänomen der pädophil-begehrenden Frau
Von Stefan Wünsch
Vom Alltag der Matrix zum Feiertag der Arbeit. »Der Tod des Arbeiters« vs. »Freischwimmen« – Bilder der Arbeit in der westlichen und russischen Kultur von heute
Von Igor' Čubarov
Transpositionen
Die Geschäftigkeit
Von Jolanta Brach-Czaina
Auktorial
Auspizien
Exposé zum Thema des nächsten Heftes: Betäubung

Exposé

Alltag – PLURALE 7 (2008)

Guido Heldt / Schamma Schahadat / Jörg Silbermann

Mein Tag: Ich stehe auf – im oberen Fenster graut es gerade erst – Kälte – Pfützen – Staub vom Sägen – Eimer – Krüge – Lappen – überall Kinderkleider und Kinderhemdchen. Ich säge. Heize. Wasche im eiskalten Wasser Kartoffeln, die ich dann im Samowar koche.
Marina Cvetaeva: Dachbodennotizen. Aus den Moskauer Aufzeichnungen 1919-1920

Das ist sehr langweilig immer das Hemd zuerst und dann die Hosen drüber zu ziehen und des Abends in's Bett und Morgens wieder heraus zu kriechen und einen Fuß immer so vor den anderen zu setzen, da ist gar kein Absehens wie es anders werden soll. [...]1
Danton in Georg Büchners Danton's Tod, Akt II,1

Marina Cvetaeva und Georg Büchner: Aufzeichnungen aus dem Alltag während des russischen Bürgerkriegs hier, literarischer Kommentar auf die Zeit der Französischen Revolution dort. Beide Male kein revolutionäres Pathos der Umstürzung, kein Enthusiasmus der Neugestaltung menschlicher Gesellschaft, sondern Vertrautheit, gar Langeweile angesichts elementarer alltäglicher Tätigkeiten. Ob Eichendorffs Wünschelrute – »Es schläft ein Lied in allen Dingen / Die da träumen fort und fort« – Marina Cvetaevas Dachbodenwelt zum Singen bringen könnte, darf bezweifelt werden. Das Wort »Alltag« lässt an den Alltagsverstand denken, den »gesunden Menschenverstand«, den von Descartes im Discours de la méthode verspotteten bon sens, den jeder so reichlich zu besitzen glaube, dass darob allseits Zufriedenheit herrsche. Er ist die Richtschnur bei der Bewältigung »jedermann« unmittelbar betreffender Probleme. Vor dem Großen und Großartigen (der »Natur« etwa, aber auch der »großen Ereignisse« wie Revolution, Krieg etc.) scheint das Kleine, Alltägliche notwendig zu verblassen. Sind die Ereignisse allzu groß, so kommt es nicht selten zu einer Flucht vor dem bedrohlich gewordenen Alltag in die Imagination; Angst, Hunger und Kälte oder auch einfach Langeweile werden ästhetisiert.

Weg(e) aus dem Alltäglichen
John Carey etwa hat die künstlerische Moderne am Beispiel der englischen Literatur des ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhunderts als Flucht vor der vermeintlichen Form- und Gesichtslosigkeit der Masse und ihrer Massenkultur beschrieben – als Reaktion auf die ›Veralltäglichung‹ des geschriebenen und gelesenen Wortes durch die Ausweitung des Lesepublikums im Gefolge der allgemeinen Schulbildung. Wesentlicher Faktor der hochkulturellen Massenallergie war die industrielle Produktion von Lesestoff vor allem auf dem sich erweiternden Zeitungs- und Zeitschriftenmarkt – Medien, deren Hauptleistung für ihre Leser darin bestand, »to affirm them as a complacent, prejudiced and unthinking mass«, wie T.S. Eliot noch 1938 feststellte2: Die Kunst dagegen ein anspruchsvoller, dem Verständnis und damit dem Zugriff der »newly educated (or ›semi-educated‹) readers«3 entzogener Sonntag zum Alltag der Tageszeitungen und ihrer serialisierten Unterhaltungsromane.
Kulturkritisch gewendet erschien »Alltag« entweder undurchschaubar wie die »verdinglichte Gesellschaft«4 oder war gleichbedeutend mit Tristesse und Bedrohlichkeit der (spät)kapitalistischen Massengesellschaften. Resultat des Verfalls politischer Repräsentationsorgane und der Zersetzung einer bereits atomisierten Gesellschaft, schien »den Massen«, so Hannah Arendt, die Gestaltung ihres Lebens nach »sinnlosen Begriffen« als Ausweg aus dem Alltag, als Flucht vor dem gesunden Menschenverstand, »den sie mehr verachteten als irgend etwas sonst«5. Die Abneigung des bürgerlichen Ästheten gegenüber der Alltäglichkeit des Konsums seichter Kost durch die Mehrheit, gegenüber dem Mief der »kleinbürgerlichen Enge von Tanzstunde, Polka und Galopp«6 zeugte dabei von einem vergleichsweise noch geringeren Übel. Auch aus dieser, grundlegend anderen Blickrichtung genoss der Alltagsverstand, der common sense, einen schlechten Leumund und bildete die Negativfolie, auf der kritisches Denken und Kritische Theorie sich zu entfalten hatten – mit der emanzipatorischen Potentialität eines »Nicht-Mitmachens«.7
Henri Lefèbvre, französischer Philosoph und Autor der Kritik des Alltagslebens (1946/1961) verwies dagegen auf die Potentialität des Alltags, auf seine versteckten Reichtümer: »Wo finden sich Armut und Reichtum [des] Alltagslebens, von dem wir wissen, daß es zugleich unendlich reich (wenigstens potentiell) und unendlich arm, nüchtern und entfremdet ist, daß man es entschleiern und verändern muß, damit sein Reichtum sich aktualisiert und in einer erneuerten Kultur entwickelt. Die Äußerlichkeit der Elemente der Alltäglichkeit (Arbeit – familiäres und privates Leben – freie Zeit) bedeutet eine Entfremdung. Vielleicht beinhaltet sie aber auch eine Differenzierung, fruchtbare Widersprüche. Auf jeden Fall sind wir auf die Untersuchung eines Ganzen (Totalität) im Verhältnis seiner Elemente verwiesen.«8

Der alltägliche Stolperstein der Theorie
Die implizite Hoffnung auf eine Veränderung des Alltagslebens qua dessen Analyse und Kritik scheint neben den kulturkritischen Positionen eine Konstante geisteswissenschaftlicher Beschäftigung mit dem Phänomen »Alltag« zu sein:
»To advance a theory of everyday life is to elevate lived experience to the status of a critical concept – not merely in order to describe lived experience, but in order to change it«, schreiben Alice Kaplan und Kristin Ross 1987 in ihrer Einleitung zu dem Sonderband Everyday Life in denYale French Studies. Damit markieren sie die Spannung, in der der Alltag sich als theoretisches Konzept befindet: Alltag scheint ein Begriff zu sein, der sich nur schwer in die theoretischen Debatten der 60-er, 70-er und 80-er Jahre integrieren lässt, die sich auf (post)strukturalistische Ideen fokussieren. Zudem scheint Alltag der Theorie widerständig zu sein: Alltag wird erlebt, nicht gedacht oder erschrieben – jedenfalls nicht oder selten in Formen, die selbst wieder Gegenstand (öffentlichen, diskursiven) Denkens und Schreibens werden. Was in Tagebüchern steht, mag die Menge der Wörter in den Bibliotheken mehrfach übertreffen (aber wer weiß das schon?): Doch es sind stumme Wörter, die meist nur zu ihrem Schreiber reden, und vielleicht noch zu denen, die heimlich und unerlaubt Einblick nehmen (und denen die alltäglichen Reflexionen des anderen vielleicht zum Schock geraten).
Alltag befindet sich, so der englische Alltags-Forscher Ben High-more, »jenseits aller Wissensfelder«, Alltag ist, so Highmore weiter, nicht postmodern, ist eine Praxis, kein Denken. Die Untersuchung des Alltags scheint unweigerlich gefangen in der Spannung zwischen dem wirklichen Leben und der Theorie.
Das Begriffspaar Alltag und Theorie gab vor allem in der anglo-amerikanischen Diskussion um eine Philosophie des Geistes Anlass zu leidenschaftlichen Auseinandersetzungen. Der eliminative Materialismus beispielsweise stellt sich radikal gegen jede Annahme einer folk psychology (oder Alltagspsychologie) als Beitrag zu einem wissenschaftlich fundierten Verständnis des Menschen und seiner Probleme. Die folk psychology, die Sammlung grundlegender Annahmen, sozial bedingter Vorurteile und Überzeugungen, die unseren alltäglichen Beschreibungen des Verhaltens anderer implizit sind und die uns auf die mentalen Zustände der anderen schließen lassen, gilt ihnen als (nicht-formalisierte) Theorie, die wie jede andere falsifizierbar sei. Nur, so argumentieren die Vertreter des eliminativen Materialismus, habe sie keinen Zugang zu mentalen Problemen wie Geisteskrankheit, zu Lernprozessen oder Gedächtnisfähigkeiten. Sie gehen dagegen davon aus, dass der sich rasant entwickelnde Komplex der Neuro- und Kognitionswissenschaften weit eher zu einem fundierteren Verständnis des Menschen beitragen könne. Aber wer profitiert hier von wem? Sind die strengen Wissenschaften nur Handlanger einer Zurückweisung der Alltagspsychologie durch die Eliminativisten? Der amerikanische Philosoph William Ramsey hält es durchaus für möglich, dass eine radikal wissenschaftlich fundierte Theorie des Geistes gerade auf der Annahme beruhen kann, dass uns unsere alltägliche Perspektive zutiefst täuscht.9 Von William Van Orman Quine stammt die Prophezeiung, dass es Jahrzehnte dauern würde, bis die Alltagspsychologie von »wahrer« Wissenschaft abgelöst werde. Dass dem so sei, ist nicht ausgemacht. Doch die Auseinandersetzungen zwischen Befürwortern der Alltagspsychologie und den Anhängern von Neuro- und Kognitionswissenschaft dauern an: »Alltag« erregt Geist und Gemüt.

Ein Heim!
Alltag – der Versuch, das Unstrukturierte zu strukturieren und gleichzeitig der Widerstand gegen die Struktur. Alltag ist aller Tage, ist der Gegensatz zu dem, was selten ist, zum Fest. Er ist aber auch Gegensatz zum Sonntag, der seine eigene Alltäglichkeit (oder Allwöchentlichkeit) hat, seinen eigenen Rhythmus des Immergleichen, der sich auf höherer Ebene in der alljährlichen Wiederkehr der kirchlichen und weltlichen Feste wiederholt.
Und auch unabhängig von diesen Rhythmen kann das Fest durchaus aus (potentiell) Alltäglichem bestehen, wenn es nur recht inszeniert wird: »Ein laues Bad (27°) sei ein königliches Fest deiner Haut! Sie sehne sich ihm direkt entgegen, wie der Liebende nach der Geliebten! Sie geniesse es wie eine Erlösung, leidenschaftlich. Verwöhne doch diese Zarteste nicht durch immerwährende Feste. Die Haut gewöhnt sich rasch an den Luxus und wird schlaff. Einem Menschen, der nur einmal in der Woche lau badet, merkt man es sogleich an. Wie nach einem kurzen Aufenthalt am Semmering wird er! Stoffwechsel-beschleunigt! Verjüngt. Aber der, der täglich lau badet, hat die stumpfe gleichmässige Physiognomie des reinlichen Alltag-Menschen. Das laue Bad sei ein Reiz, eine Erlösung, ein exzeptionelles Glück für die Haut!«10
Aber dass »ein armer Mensch auch mal aus dem Alltag heraus wolle«11, der romantische Topos der Flucht aus dem Alltag, ob ins warme Bad oder ins ferne Sehnsuchtsland, wo die Brunnen verschlafen rauschen, ist nur die eine Seite der Gleichung. Die andere ist der Alltag als vertrauter Raum, als Zuflucht vor dem Außerordentlichen und seinen Zumutungen: »Das Alltagsleben ist ein Heim. Der Alltag ist wie eine Mutter.«12 Der Alltag ist, im besten Falle, posenlos und menschennah; im schlechteren ist er öd und leer: »Insofern aber der Künstler als Visionär stets an ein Urbild gefesselt bleibt, streben die romantischen Geister aus dem Abfall zur Kirche zurück; betonen sie ihre genialische Weihe desto entschiedener, je unannehmbarer und gottverlassener sie den Alltag empfinden. Ihr Gegensatz als Hüter der illusionären und generösen Denkart führt sie zur Blague, zur Pose, zur blutigen Paradoxie.«13
Alltag – das sind Dinge, die diesen Alltag bevölkern, ein Chaos hervorrufen, das der Text zu zähmen versucht. Ignorieren der Wirklichkeit im Alltags-Text. Was bleibt: die Spannung zwischen der Realität des Alltags und die Flucht davor – in den Text, ins Bild, in die Zerstörung der Dinge.
Aber ist der eigene Alltag immer auch der fremde? Oder ist der fremde Alltag für das Eigene der Feiertag? Was aller Tage in der Fremde ist, ist Ausnahme des Eigenen. In der teilnehmenden Beobachtung wird der fremde Alltag festgehalten: in Feldtagebüchern, Fotografien, wissenschaftlichen Abhandlungen. Auch hier: ein Versuch, den Alltag zu bewältigen, ihn diskursiv zu zähmen, heimlich zu machen.

Den Alltag fabrizieren
Den Alltag zum Feiertag machen, oder: den Feiertag zum Alltag, das ist – um aus anderer Richtung zum Anfang zurückzukehren – das Anliegen der Revolutionen und der utopischen Projekte. 1917 zerstörten die künstlerischen und politischen Ideologen der russischen Revolution den alten Alltag und schufen den neuen Alltag. Der neue Alltag: ein unendlicher Feiertag der freien, gleichen und brüderlichen Menschheit. Mit dem Beginn des neuen Alltags wurde ein neues Narrativ in Gang gesetzt, in dem der Neue Mensch die Hauptrolle spielte und in dem die Menschen einander näher rückten. Im grand récit von der neuen Gesellschaft wird dieser Neue Mensch in einem Raum verortet, der entweder Teil eines futuristischen Kommunehauses ist oder einer Kommunalwohnung, die sich später eher als Alptraum denn als Wunschtraum entpuppt. Umgeben ist der Neue Mensch von Dingen, die der revolutionären Weltordnung entsprechen, von Telefonen und Klappbetten, Insignien der neuen Wirklichkeit. Was bleibt, sind vorerst dennoch die Eimer, Krüge, Lappen. Schriftsteller, Künstler und Architekten bauen, beschreiben, bearbeiten den Alltag, der zunächst der Platz der alten Dinge ist, vertexten ihn in Poemen (Vladimir Majakovskij, Pro ėto / Darüber) und bebildern ihn im Film (Abram Room, Tret‘ja meščanskaja / Bed and Sofa). Die Vernichtung des alten Alltags und die Schöpfung des neuen sind die dringlichsten Aufgaben der postrevolutionären Aktivisten, denn im Alltag findet die Neuschöpfung statt von Mensch und Ding.
Feiert sich eine dem Imaginären der neuen Zeit verpflichtete Macht in Festen, Umzügen, karnevalistisch anmutenden Hoch- und Feierzeiten, wohin gehört dann aber der betrunkene, aus der Fest-Norm herausfallende Einzelne, der, am Rande des Umzuges liegend, seinem Körper die Erholung vom Exzess gönnt und so gar nicht mehr mitfeiern kann oder will? Ist das der »alltägliche Rest« der dem Anspruch auf Umgestaltung nicht adäquaten Techniken?
Vielleicht lohnt ein Blick auf das Dazwischen. Nachzusehen, ob zwischen altem und neuem Alltag Überkreuzungen bestehen, oder gähnende, quälende Leere. Wo etwa liegt das »Grau-in-Grau« – gerne assoziiert mit dem Alltäglichen?
»[Auf] die Grau achten!«14, mahnte Paul Klee schon 1910 an. Er sollte nicht ungehört bleiben. Die Farbe Grau, besser: das gesamte Spektrum der »Unbuntfarben«, die Reihe weiß-grau-schwarz avancierte nach 1945 zu einer der Hauptfarben der Kunst – als Theorie- und Denkfarbe15 auch gegen die grelle, laute Farbenwelt der Warenwerbung gerichtet.
»Grau, teurer Freund, ist alle Theorie / Und grün des Lebens goldener Baum«16, wirft Mephistopheles dem wissbegierigen Schüler in dessen Studierzimmer entgegen.
Doch die Farbe Grau steht zwischen den scheinbaren Antagonisten Farbe und Nicht-Farbe oder Weiß und Schwarz. Seine Herkunft ist eine spezifisch doppelte: Gemischt aus Schwarz und Weiß gehört es den unbunten Farben an und liegt in der Mitte der Schwarzweißachse. Wird es gemischt aus zwei Komplementärfarben, rechnet es zugleich der Klasse der bunten Farben zu. Im zweiten Fall steht es im Zentrum des Farbkreises: »Durch diese Doppelposition wird sein Ort im Innersten der Farbkugel bestimmt«17.
Wird dieses Zentrum aber nicht auch heimgesucht von dem, was Primo Levi »Die Grauzone« nannte und das mit der Chiffre »Auschwitz« verbunden ist? Täter waren damals, so Christopher Browning, »ganz normale Männer« – und, so muss man hinzufügen: auch Frauen.
Kann ein gerechter »Geschlechtervertrag« als »neuer Gesellschaftsvertrag« die Hoffnung einlösen, dass man »ohne Angst verschieden sein kann« (Adorno), »heimisch sein kann in der Welt« (Hannah Arendt)?18 Wie weit hilft es, wenn man etwa queer sein und denken darf und nicht straight sein muss?
Alltag ist allgegenwärtig, das ist seine Natur. Allmächtig ist er nicht: Der wissenschaftliche Blick muss an ihm nicht ermüden, sich nicht trüben lassen wie die Augenlinse durch den Grauen (oder Grünen) Star – darin besteht sein Reiz für diese Ausgabe von Plurale.

[ 1 ] Büchner 2002, 38
[ 2 ] Eliot 1938, 688
[ 3 ] Carey 1992, i
[ 4 ] Adorno 1986b, 87
[ 5 ] Arendt 2005, 680
[ 6 ] Adorno 1986c, 796
[ 7 ] Vgl. Adorno 1986a, 678ff
[ 8 ] Lefèbvre 1974, 40
[ 9 ] Ramsey [2003]
[ 10 ] Altenberg 1906, 40
[ 11 ] Fontane 2000, 748
[ 12 ] Pessoa 1992
[ 13 ] Ball 1988 [V. Kap.]
[ 14 ] Klee 1957, 255
[ 15 ] Diers 2005
[ 16 ] Goethe 1982, Verse 2038f
[ 17 ] Strauss 1983, 234
[ 18 ] Hark 2002

Literatur
Adorno, Theodor W.: Erziehung nach Auschwitz. In: Adorno, Theodor W.: Gesammelte Schriften. Hg. v. Rolf Tiedemann unter Mitwirkung von Gretel Adorno, Susan Buck-Morss und Klaus Schultz. Bd. 10/2: Musikalische Schriften V. Frankfurt a. M. 1986, 674-690. [=Adorno 1986a]
Adorno, Theodor W.: Versuch über Wagner. In: Adorno, Theodor W.: Gesammelte Schriften. Hg. v. Rolf Tiedemann unter Mitwirkung von Gretel Adorno, Susan Buck-Morss und Klaus Schultz. Bd. 13: Die musikalischen Monographien. Frankfurt a. M. 1986, 7-148. [=Adorno 1986b]
Adorno, Theodor W.: Musiksoziologisches [Abschied vom Jazz]. In: Adorno, Theodor W.: Gesammelte Schriften. Hg. v. Rolf Tiedemann unter Mitwirkung von Gretel Adorno, Susan Buck-Morss und Klaus Schultz. Bd. 18: Musikalische Schriften V. Frankfurt a. M. 1986, 795-799. [=Adorno 1986c]
Altenberg, Peter: Pròdromos. Berlin 1906.
Arendt, Hannah: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. München 2005.
Ball, Hugo: Der Künstler und die Zeitkrankheit. In: Hochland 24:2 (1926). Nachdruck in: Ball, Hugo: Der Künstler und die Zeitkrankheit. Ausgewählte Schriften. Mit einem Nachwort hg. v. Burkhard Schlichting. Frankfurt a. M. 1988.
Büchner, Georg: Danton’s Tod. Ein Drama. In: Büchner, Georg: Sämtliche Werke, Briefe und Dokumente in zwei Bänden. Hg. v. Henri Poschmann unter Mitarbeit von Rosemarie Poschmann. Bd. 1: Dichtungen. Frankfurt a. M. 2002, 11-90.
Carey, John: The Intellectuals and the Masses. Pride and Prejudice among the Literary Intelligentsia, 1880-1939. London 1992.
Diers, Michael: Die Farben des Schwarzweiß oder Das Zeitungsgrau als Medium künstlerischer Reflexion. In: kunstaspekte, 24. 08. 2005.
www.kunstaspekte.de/index.php?static=diskurs0508diers
[letzter Zugriff 20. 11. 06]
Eliot, T(homas) S(tearns): A Commentary. In: The Criterion 17:69 (Juli 1938), 686-692.
Fontane, Theodor: Stine (1890). In: Fontane, Theodor: Romane und Erzählungen in drei Bänden. Bd. 3. Hg. v. Helmuth Nürnberger. München / Wien 1985, 709-797.
Goethe, Johann Wolfgang v.: Faust – Erster Teil. In: Goethe, Johann Wolfgang v.: Werke. Kommentare und Register. Hamburger Ausgabe in 14 Bänden. Bd. 3: Dramatische Dichtungen I. München 1982.
Hark, Sabine: Für eine »anständige Geschlechterpolitik«. Prinzipien einer Politik der Geschlechtergerechtigkeit. In: Stachlige Argumente Nr. 135 (3/2002).
Lefèbvre, Henri: Kritik des Alltagslebens. Bd. I. München 1974.
Klee, Paul: Tagebücher, 1898-1918. Herausgegeben von Felix Klee. Köln 1957.
Pessoa, Fernando: Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares. Aus dem Portugiesischen übersetzt und mit einem Nachwort versehen von Georg Rudolf Lind. Frankfurt a. M. 1992.
Ramsey, William: Eliminative Materialism [Veröffentlicht am 8. 5. 2003]. In: Stanford Encyclopedia of Philosophy.
http://plato.stanford.edu/entries/materialism-eliminative/
[letzter Zugriff 23. 11. 2006]
Sontag, Susan: Das Leiden anderer betrachten. München 2003.
Strauss, Ernst: Zur Helldunkellehre Klees. In: Strauss, Ernst: Koloritgeschichtliche Untersuchungen zur Malerei seit Giotto und andere Studien. 2., erweiterte Auflage. Hg. v. Lorenz Dittmann. München/Berlin 1983.



Abstracts

→ Alltägliche Dinge
By Dorothee Kimmich
→ Alltag und Krankheit
By Thomas Reuster



Stefan Wünsch: Käthe Hagedorn. A historical contribution to the indiscernible phenomenon of the paedophiliac-desiring woman.
The article focuses on the homicide of a nine-year-old boy and a six-year-old girl committed by the 18-year-old Käthe Hagedorn in the town of Duisburg in 1926. In the trial Hagedorn was found guilty of homicide and statutory rape and obtained an eight-year imprisonment. Due to the aspect of statutory rape some commentators at that time named the case a female Lustmord (sex murder) and that’s possibly the reason why it became a momentary national sensation. However, unlike other similar cases during this time, such as the one of Fritz Haarmann in Hanover or the one of Peter Kürten in Düsseldorf, Käthe Hagedorn almost disappeared from the historic memory. In this regard the article broaches the issue of the paedophiliac-desiring woman and her relevance in the construction of gender hierarchies. Hence, the paper does not directly participate in the common discussion on the Lustmord during the Weimar Republic (cp. Maria Tatar), but elaborates exemplarily on the case of Käthe Hagedorn and the way the discourse on „The Wife As A Sexual Offender“ (Erich Wulffen) was constituted in this time. For this analysis the article refers to the medical inquiries and diverse annotators about the case, which reveal that the examination of the Alltag (everyday life) of Käthe Hagedorn played a decisive role in the various explanations of the exceptional deed. The conclusion demonstrates that the type of the paedophiliac-desiring woman displays in a fundamental way the limitations of the discourse on „The Wife As A Sexual Offender“ as well as on gender construction on the whole that persist to the present.