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Plurale 1 (2002)- fallen
![]() Inhalt
We fell in love with falling. Vorwort
Editorial
Exposé zum Thema des Heftes: fallen
Notationen
Der Fall der blauen Kugeln. Roman Signer und die
Schwerkraft. Von Joachim Jäger (→ English Summary)
Das Ende des Falls: Aufprall. Von Mirjam
Goller (→ English Summary)
Der Fall Euro. Eine un-ökonomische
Betrachtung. Von Helga M. Treichl (→ English Summary)
Lichteinfälle. Licht und Farbe bei Isaac
Newton und Maurice Merleau-Ponty. Von Matthias Meindl und
Jörg Silbermann (→ English Summary)
Das Denken in Fallbeispielen im Spätwerk von
Ludwig Wittgenstein. Von Matthias Flatscher (→ English Summary)
Ausbildungsabbruch. Vom freien Fall aus der
Ausbildung zum Abfall der Gesellschaft? Von Sandra
Bohlinger (→ English Summary)
Fallbilder und Bildfallen. Über das Prinzip
der Bewegung in einigen Sportfotografien Aleksandr
Rodčenkos. Von Susanne Strätling (→ English Summary)
Fallobst - gesammelt unterm linguistischen Baum.
Von Harald Völker (→ English Summary)
Kampagnen
Kampagne für Kampagnen. Anzeige in eigener
Sache
Transpositionen
Gedächtnislosigkeit als Quelle.
Charms-Lektüren. Von Michail Jampol'skij,
übertragen von Anke Hennig (→ English Summary)
Auktorial
Auspizien
Exposé zum Thema des nächsten Heftes:
→ Natur
Exposé
fallen
It’s
Not The Fall That Kills you but the sudden stop Jim Jarmusch Auch Gedanken Die Bewegung des Falls scheint prototypisch
für Phänomene des Kontrollverlusts, des ungeregelten
Heraustretens aus realen und symbolischen Ordnungen zu stehen.
Ihre Brisanz gewinnt sie jedoch nicht durch diese fast
anarchische Haltlosigkeit, sondern durch den Schwebezustand des
Falls zwischen besinnungsloser Wucht einerseits und Zügelung
durch Analyse und Diziplinierung andererseits. Was so ungerichtet
ins Wort fällt, erscheint bei näherem Hinsehen
historisch vielfach präsent und durchaus konturiert. Diesen
Gestaltungsversuchen könnte man durch
Zerspaltung des Begriffs auf die Spur kommen. Ein-Fall, Zu-Fall,
Be-Fall, Weg-Fall, Ver-Fall, Ab-Fall, An-Fall, Aus-Fall.
Zweisilberspiele, die verschiedene Fälle und Fallarten auf
den Plan bringen und eine Bestimmung von Fallhöhen,
Oberflächen des Aufpralls und Eindringens, Fallmaterien,
Fallmedien, Fallszenarien provozieren.
Der Beginn der Fallbeispiele mit dem
Sündenfall figuriert das Szenarium als Frage nach dem Wissen
des Subjekts um seine Existenz. In dieser Konstellation des
Falles als erkenntnisheischende Gesetzesübertretung ist von
Anfang an die (juristische, soziale, ästhetische) Frage nach
Zugehörigkeit oder Integration wider Abtrünnigkeit und
Abfall eingeschrieben. Im antiken Ikarusmythos verwandelt sich
der Aufschwung zum Abfall in den physischen Fall zum Tode. Damit
ist ein Inbild des erzählten, erdichteten und
experimentierten Fallens bestimmt, das den Wissensdiskurs bis in
die Gegenwart maßgeblich geprägt hat.
Die dem Fallen damit eo ipso inhärente Gefahr
des Herausfallens aus der Norm kristallisiert sich in den
Erscheinungen des Verfalls, des Dekadenten und Peripheren, in
denen der Höhe-Diskurs des Erhabenen im Niederen seinem
(Zerr)Spiegel begegnet (und ihm manchmal verfällt). Die
Pathologien der Fallsüchte und Schwindelmanien, des
In-Ohnmacht-Fallens, der Erregung und Intensitätsspiralen
bis zum Sturz markieren hier eine mögliche –
psycho-physiologische – Disposition, Metaphern des
»Gefallenseins« markieren eine andere der sozialen
Skalierung. Verfall bringt in seiner Assoziation mit
Grenzüberschreitungsphänomenen das
Stichwort Krankheit als Ausgrenzungs- und
Absentierungsstrategie ins Spiel. Neben die prominenteste
Erscheinung der Epilepsie können
grundsätzlicheKontaminationen als Durchdringung von
Körpergrenzen treten. Die semantische und somatische
Stigmatisierung des Falls als Befall lässt sich nicht von
den ambivalenten Zuschreibungen des Nicht-Gesunden trennen.
Der/Die Befallene kann zum Prototypen des ausgelöschten
gesunden Menschenverstandes, aber auch zum/zur
Wahrheitsträger/in, zum/zur semiotisch gesondert
Gezeichneten werden.
Den Konnex von Wahrheitsverlust und Wertverlust,
von De- und Re-Valorisierung pointiert der Fall als Abfall.
Dieser impliziert den Ab- als Weg-Fall ins Absente, ins Nichts,
kennzeichnet also die Durchstreichung dessen, was bis vor
kurzem noch gültig und existent war. Jenseits
apokalyptisierender Mystifikationen könnte man jedoch auch
den Rest neu fassen, sei es als das recyclebar zu Sortierende,
Klassifizierende, sei es aber auch gerade als das Asystematische
des Überschusses, der sein eigenes Ende immer schon
mitdenkt, sei es als eine archivarische Kunst des Mülls, die
saubere Bewahrungsschemata nutzt, um sie ad absurdum zu
führen.
Schließlich gibt das Fallen als performativer
Akt Anlass, über Konzepte der Ereignishaftigkeit und der
Bedingungen des Ereignischarakters von »Fallen«
(Plötzlichkeit, Immanenz) nachzudenken. Der Fall gerät
zum Zusammentreffen mit der Realität, zum harten,
beschleunigten Gegeneinander der Dinge. Doch gerade die Setzung
des Fall-Ereignisses als real und singulär macht auch die
Wiederholung ein und desselben Falls und damit seine
Simulakrisierung denkbar.
Ausgehend von der Frage »Was fällt? Und
wohin?« eröffnen sich Möglichkeiten für
eine aktionale Gravitationsgeschichte, die von der physikalischen
Performanz bis zur musikalischen Kadenz reicht, von politischen
Fensterstürzen bis zu ästhetischen Sinnesfallen. Eines
bleibt in allen erhalten: der Fall ist nicht nur Spanne vom
Absprung zum Aufschlag, sondern immer auch auslösendes
Moment neuer Bewegungen.
Quelle: Plurale 1 (2002), 9–11
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