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Plurale 1 (2002)- fallen
Heft 1 - fallen; erschienen im Dezember 2002

Inhalt
We fell in love with falling. Vorwort
Editorial
Exposé zum Thema des Heftes: fallen
Notationen
Der Fall der blauen Kugeln. Roman Signer und die Schwerkraft. Von Joachim Jäger (→ English Summary)
Das Ende des Falls: Aufprall. Von Mirjam Goller (→ English Summary)
Der Fall Euro. Eine un-ökonomische Betrachtung. Von Helga M. Treichl (→ English Summary)
Lichteinfälle. Licht und Farbe bei Isaac Newton und Maurice Merleau-Ponty. Von Matthias Meindl und Jörg Silbermann (→ English Summary)
Das Denken in Fallbeispielen im Spätwerk von Ludwig Wittgenstein. Von Matthias Flatscher (→ English Summary)
Ausbildungsabbruch. Vom freien Fall aus der Ausbildung zum Abfall der Gesellschaft? Von Sandra Bohlinger (→ English Summary)
Fallbilder und Bildfallen. Über das Prinzip der Bewegung in einigen Sportfotografien Aleksandr Rodčenkos. Von Susanne Strätling (→ English Summary)
Fallobst - gesammelt unterm linguistischen Baum. Von Harald Völker (→ English Summary)
Kampagnen
Kampagne für Kampagnen. Anzeige in eigener Sache
Transpositionen
Gedächtnislosigkeit als Quelle. Charms-Lektüren. Von Michail Jampol'skij, übertragen von Anke Hennig (→ English Summary)
Auktorial
Auspizien
Exposé zum Thema des nächsten Heftes: → Natur



Exposé

fallen
It’s
Not
The
Fall
That
Kills
you
but
the
sudden
stop
Jim Jarmusch

Auch Gedanken
fallen manchmal unreif vom Baum.
Ludwig Wittgenstein, 1937


Die Bewegung des Falls scheint prototypisch für Phänomene des Kontrollverlusts, des ungeregelten Heraustretens aus realen und symbolischen Ordnungen zu stehen. Ihre Brisanz gewinnt sie jedoch nicht durch diese fast anarchische Haltlosigkeit, sondern durch den Schwebezustand des Falls zwischen besinnungsloser Wucht einerseits und Zügelung durch Analyse und Diziplinierung andererseits. Was so ungerichtet ins Wort fällt, erscheint bei näherem Hinsehen historisch vielfach präsent und durchaus konturiert. Diesen Ge­stal­tungs­versuchen könnte man durch Zerspaltung des Begriffs auf die Spur kommen. Ein-Fall, Zu-Fall, Be-Fall, Weg-Fall, Ver-Fall, Ab-Fall, An-Fall, Aus-Fall. Zweisilberspiele, die verschiedene Fälle und Fallarten auf den Plan bringen und eine Bestimmung von Fallhöhen, Oberflächen des Aufpralls und Eindringens, Fallmaterien, Fallmedien, Fallszenarien provozieren.
Der Beginn der Fallbeispiele mit dem Sündenfall figuriert das Szenarium als Frage nach dem Wissen des Subjekts um seine Existenz. In dieser Konstellation des Falles als erkenntnisheischende Gesetzesübertretung ist von Anfang an die (juristische, soziale, ästhetische) Frage nach Zugehörigkeit oder Integration wider Abtrünnigkeit und Abfall eingeschrieben. Im antiken Ikarusmythos verwandelt sich der Aufschwung zum Abfall in den physischen Fall zum Tode. Damit ist ein Inbild des erzählten, erdichteten und experimentierten Fallens bestimmt, das den Wissensdiskurs bis in die Gegenwart maßgeblich geprägt hat.
Die dem Fallen damit eo ipso inhärente Gefahr des Herausfallens aus der Norm kristallisiert sich in den Erscheinungen des Verfalls, des Dekadenten und Peripheren, in denen der Höhe-Diskurs des Erhabenen im Niederen seinem (Zerr)Spiegel begegnet (und ihm manchmal verfällt). Die Pathologien der Fallsüchte und Schwindelmanien, des In-Ohnmacht-Fallens, der Erregung und Intensitätsspiralen bis zum Sturz markieren hier eine mögliche – psycho-physiologische – Disposition, Metaphern des »Gefallenseins« markieren eine andere der sozialen Skalierung. Verfall bringt in seiner Assoziation mit Grenz­über­schreitungsphänomenen das Stichwort Krankheit als Aus­gren­zungs- und Absentierungsstrategie ins Spiel. Neben die prominenteste Erscheinung der Epilepsie können grundsätzlicheKontaminationen als Durchdringung von Körpergrenzen treten. Die semantische und somatische Stigmatisierung des Falls als Befall lässt sich nicht von den ambivalenten Zuschreibungen des Nicht-Gesunden trennen. Der/Die Befallene kann zum Prototypen des ausgelöschten gesunden Menschenverstandes, aber auch zum/zur Wahr­heitsträger/in, zum/zur semiotisch gesondert Gezeichneten werden.
Den Konnex von Wahrheitsverlust und Wertverlust, von De- und Re-Valorisierung pointiert der Fall als Abfall. Dieser impliziert den Ab- als Weg-Fall ins Absente, ins Nichts, kennzeichnet also die Durch­streichung dessen, was bis vor kurzem noch gültig und existent war. Jenseits apokalyptisierender Mystifikationen könnte man jedoch auch den Rest neu fassen, sei es als das recyclebar zu Sortierende, Klassifizierende, sei es aber auch gerade als das Asystematische des Überschusses, der sein eigenes Ende immer schon mitdenkt, sei es als eine archivarische Kunst des Mülls, die saubere Bewahrungsschemata nutzt, um sie ad absurdum zu führen.
Schließlich gibt das Fallen als performativer Akt Anlass, über Konzepte der Ereignishaftigkeit und der Bedingungen des Ereignischarakters von »Fallen« (Plötzlichkeit, Immanenz) nachzudenken. Der Fall gerät zum Zusammentreffen mit der Realität, zum harten, beschleunigten Gegeneinander der Dinge. Doch gerade die Setzung des Fall-Ereignisses als real und singulär macht auch die Wiederholung ein und desselben Falls und damit seine Simulakrisierung denkbar.

Ausgehend von der Frage »Was fällt? Und wohin?« eröffnen sich Mög­lichkeiten für eine aktionale Gravitationsgeschichte, die von der physikalischen Performanz bis zur musikalischen Kadenz reicht, von politischen Fensterstürzen bis zu ästhetischen Sinnesfallen. Eines bleibt in allen erhalten: der Fall ist nicht nur Spanne vom Absprung zum Aufschlag, sondern immer auch auslösendes Moment neuer Bewegungen.

Quelle: Plurale 1 (2002), 9–11