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Kampagne für Kampagnen
Anzeige in eigener Sache
"How does a product come to have meaning?"[
1 ] Der
initiale Impuls, dem Phänomen "Werbung" semiotische oder
sozial- bzw. kommunikations-
wissenschaftliche Aufmerksamkeit zu widmen, war wohl ein gesellschaftskritischer. Der Verdacht fällt mit einer Erkenntnis zusammen: Produkte "bedeuten" und schaffen Bedeutung. In den magischen Kanälen der Werbemedien findet sozusagen eine Post-Produktion statt, die mitunter wesentlicher als die primäre Produktentwicklung und Herstellung ist, dieser möglicherweise - praktisch und/oder theoretisch - vorausgeht. "Bis zum Abschluss des Kaufaktes kommt es nur darauf an, welchen Gebrauchswert die Ware verspricht, nicht aber welchen sie tatsächlich hat."[ 2 ] So wird Werbung als "Inszenierung eines Gebrauchswertversprechens" gelesen. Es kommt also auf die gelungene Inszenierung an. Die
Schleusen auf den Absatzmarkt hin öffnen sich, wenn das
Produkt seine begehrenswerten Qualitäten zu kommunizieren
vermag. Vielleicht sind hierbei - im groben Raster - zwei Techniken
zu veranschlagen: Die erstere scheint die Verhüllung, die
Suggestion, die Maske zu betreffen; Roland Barthes hat es die
"Mythologien" (mythologies) genannt [ 3 ], Slavoj
Žižek spricht unter anderem von den Grimassen des
Genießens. Die zweite ist jene des Skandals, der Verfremdung,
der offensichtlichen Attraktion und Attraktivität. Der
analytische Blick zeigt, dass im wesentlichen an allen Stellen
beide Techniken vorhanden sind, eventuell unterscheiden sich die
Dominanten, aber auch dieser Eindruck hebt sich meist bei
weitergehender Analyse auf. Ganz sicher ist das in der
Werbeproduktion des letzten Jahrzehnts der Fall. "Mehr drin als man
glaubt", der Media-Markt-Skandal, gründet sich gerade
auf das Zusammenspiel bzw. Auseinanderklaffen zwischen visuellem
und verbalem Register. Letzteres, das unschuldige Slogan-Zitat, in
der Werbewelt zu einem (wert-)frei flottierenden, laschen
Signifikanten runtergekommen, findet seine visuelle Realisierung im
radikal politisch unkorrekten Pinup- Motiv der Blondine mit den
drei Brüsten. Monströs, widernatürlich, geschmacklos
und dermaßen unverhüllt Zitat der Verführung.
Unlustvoll und aggressiv. Kaum erschienen, schon verboten. Bestimmt
hat sich der Skandal gelohnt. Er eröffnet immer Kanäle,
die dem jeweiligen Genre oder Thema ansonsten verschlossen bleiben
würden. Feuilleton, Wirtschaftsnachrichten, Tagesthemen.
Zum überwiegenden Teil haben wir es
nämlich in der Zwischenzeit mit Metawerbung zu tun. Diese
Tatsache machen manche Unternehmen zum expliziten Verfahren. So ist
die in
PLURALE 0 vorgestellte Imagekampagne der Berliner
Stradtreinigung (bsr) nicht nur die paradoxale Erscheinung einer
›Werbung für den Müll‹; sie ist,
reklametechnisch gesprochen, in der Hauptsache Werbung aus
Werbemüll, bzw. (weniger abfällig formuliert, wobei zu
betonen ist, dass gerade dies den Reiz dieser Kampagne ausmacht):
Sie zeichnet sich durch ein hohes Maß an
Populärkulturzitaten aus, lebt vom Wiedererkennungseffekt, der
gekonnt den Charme einer abgerauchten Kippe ausspielt. "Come to
where the Eimer is". Dies entspricht durchaus der literarischen
Verwendung von Plastiktüten, wie dies im Krimi
Silentium! des österreichischen Autors Wolf Haas der
Fall ist: "Man öffnet eine Tasche in der Hoffnung, daß
etwas drinnen ist, aber es ist wieder nur eine Tasche drinnen, und
wenn man die aufmacht, ist wieder nur eine Tasche drinnen, und ewig
so fort. […] Weil auf den Taschen steht die Lösung
oben. Drogeriemarkt/Kodak/Billa/Lego/Bank Austria. ›Ich
frage mich, wofür eine Bank Plastiktaschen braucht‹,
hat der Brenner gemurmelt und aus der Bank-Austria Plastiktasche
die nächste Billa- Plastiktasche gezogen. ›Tragen die
Leute ihre Millionen heute schon in Plastiktaschen heim?‹
›Wahrscheinlich für die Bankräuber‹, hat
der Präfekt gelächelt. Parfümerie
Elke/H&M/Libro/orf […]."[ 4 ]
Als Segment der Populärkultur spielt die
Werbung eine entscheidende Rolle im hochtransformativen Spiel der
Grenzauflösungen durch Grenzübertretungen. Die Orte und
Topoi von product placements nehmen zusehends mehr Raum und
subtilere Ebenen ein. Die einstmals mitunter hässlichen und
störenden Exklaven, gleich den Unterbrechungen des
Abendprogramms durch das Störbild "Wir bedauern …",
avancieren zum schönen wie attraktiven seriellen
Höhepunkt. Nicht nur aufwändiger produziert, auch
mitunter kurzweiliger und intensiver, überragen die Werbespots
in Qualität das von ihnen unterbrochene Fernsehprogramm. Die
Geburt der Soap Operas aus dem Geiste der Werbung ist in diesem
Zusammenhang ein wesentlicher Faktor und historisches Faktum.
Procter&Gamble litt in den 1930er Jahren an
Umsatzschwierigkeiten und hatte die Idee, den Absatz der
Reinigungsmittel dadurch zu erhöhen, dass man den alleine zu
Hause waschenden und putzenden Frauen etwas Unterhaltung in
Verbindung mit verkaufsfördernder
›Produktinformation‹ anbot. "Und hier ist wieder Ma
Perkins von Oxydol. Die wahre Lebensgeschichte einer Frau, deren
Leben das gleiche, deren Probleme dieselben sind wie die von
Tausenden anderen Frauen in der heutigen Welt. […] Doch
bevor wir heute die Geschichte von Ma Perkins hören, will ich
Ihnen noch schnell etwas erzählen, das von herausragendem
Interesse für jede zuhörende Hausfrau ist, nämlich
über ein bemerkenswertes neues Waschmittel …"[
5 ],
tönte 1939 aus den us-amerikanischen Radioempfängern. Das
Versprechen einer neuen Episode aus dem Leben der Ma Perkins musste
äußerst lukrative Konsequenzen gehabt haben. Bereits
1940 liefen 64 Radio-Soaps in den usa. Ob die Tatsache, dass
Waschmittelwerbung somit als Urbild des Genres überhaupt
gelten kann, dafür verantwortlich ist, dass die Werbespots aus
dieser Branche sich noch immer eher an die "Ma Perkinses" als an
Verona Feldbusch zu richten scheinen, sei dahingestellt.
Die Glaubwürdigkeit des
Gebrauchswertversprechens scheint auf das reine Produktkonzentrat
ausgerichtet zu sein. Ähnliches gilt übrigens für
Shampoos. Ohne diese Aussage zu überprüfen:
Timotei - Mutter und Tochter gehören wohl mit ihrem
Offenes-Haar-Sonnen- Wiesen-Spaziergang zu den nicht alt zu
kriegenden Dauerbrennern in den geologischen Schichten der
tv-Spot-Archive. Nur Klementine ist mittlerweile im
Ruhestand.
![]() Humor in Orange. Auf dem Mülleimer ist zu
lesen: "Easy to use". Berlin-Kreuzberg.
Kommissar Brenner aus dem oben zitierten Krimi von
Wolf Haas kommt auf dem Weg der Entfaltung der Plastiktüten
enthaltenden Plastiktüten, der Enthüllung der
Inhalts-Leere und einer narrativ-chronologischen Rekonstruktion der
Marken- und Firmenaufschriften auf den Tüten der Lösung
seines Falls entscheidend näher. "Die Erwartung bei diesen
Prozessen auf ein Eigentliches und Wesentliches zu stoßen,
trügt also, und doch ist beides nicht umsonst ",
resümiert Moritz Baßler, wie "das Paradigma der Marken
[…] für eine Poetologie der Oberfläche und nicht
der Tiefe" stehe, suche "man nichts hinter den Dingen, [da] sie
selbst die Lehre sind."[ 6 ]
Als auffallendstes Merkmal des Bildungs- und
Kommunikationserfolgs der Werbung kann das Phänomen gelten,
dass sowohl das Produkt ("das Ding") selbst (semiotisch würde
man vom Repräsentanten sprechen) als auch die Marke immer
weniger und - dies trifft vor allem auf Spots in Fernsehen, Kino
und Radio zu - immer später bis eben gar nicht gezeigt oder
genannt werden. Dies entspricht einer Reduktion der
Präsentation der Labels. Man nehme Marlboro als
Beispiel. Immer mehr verschwindet hier selbst der Marlboro-Mann.
Die Bildkonstruktion ist derartig eindeutig identifizierbar, dass
schon mit dem ersten establishing shot klar ist, wo wir
sind, i. e. worum es geht. Um dieses Lebensgefühl eben,
welches es nur im Marlboro-Country gibt.
Dabei ist der Marlboro-Fall durchaus kein
avantgardistischer. Als Beispiel dafür kann man an jene
Erfahrungen in der freiwillig-unfreiwilligen Werbekommunikation
denken, in der unser Wiedererkennungs- und Decodierungsdrang das
fiktive Blättern in unserer Enzyklopädie der
Markenkompetenz beschleunigt, uns nahezu nervös werden
lässt. So warb Mercedes Benz für das
serienmäßige Navigationssystem in der A-Klasse, also
für die A-Klasse, mit einem scheinbar billigen, weil ebenso
scheinbar einfach gemachten Zeichentrickspot: Weiße
Spermachen jagen über das Bild. Von allen Seiten in allen
Richtungen. Kein Ton. Dann ein Textinsert: "Warum braucht es
x-hunderttausend Samenzellen, um eine Eizelle zu befruchten?"
Spermajagd geht weiter und tatsächlich schlüpft eines
zufällig in eine Eizelle. Das entsprechende Geräusch auf
der Tonspur. Wieder Textinsert: "Weil Männer
grundsätzlich nicht nach dem Weg fragen." Und mit dem Lacher
folgt des Rätsels Lösung. Die A-Klasse und ihr
Navigationssystem. Man möge spekulieren, für welche
Produkte sich diese Werbung noch eignen würde. Man müsste
nur das Ende ändern. Witz, Suspense und Nonsense. Von
Aalräucherei bis Zylinderschloss.
Nicht nur die Pop-Art hat den ästhetischen Reiz
der Werbung erkannt und erfolgreich damit ihren provokativen
Feldzug auf dem Kunstmarkt geführt. "Mir gefällt Werbung.
Sie ist eine der letzten Hochkünste des Spätkapitalismus,
nur dem Kino, der Rockmusik vergleichbar und dem Jazz …
Werbung verspricht, was Ware und Werbung nie halten können,
darauf aber kommt es gar nicht an; sie hält Bilder und
Sehnsüchte wach auf das, was hinter den Bildern;
Menschheitsträume, Mythen […]."[ 7 ]
Ideologiekritik, Gesellschaftskritik,
Kapitalismuskritik, Diskurskritik … Mit der Werbung schien
es sich lange zu verhalten wie mit vielen Phänomenen der
U-Kultur. Moralisch-ethische Schwellen machen sie im besten Fall
zum Problemfall der Wissenschaften. Auch hier ist die Situation mit
jener der Soaps vergleichbar, in deren Zusammenhang sich
"elitäre WissenschaftlerInnen" fragten, wie "jemand mit einem
iq, der immerhin jenen einer Steckrübe übersteigt, sich
selbst dieser täglichen Ration an ›konsequent
durchgehaltener Morbidität und Schrecken‹
unterwerfen?"[ 8 ] Und: also Gefallen - sowieso verboten. Aber
doch nicht unmöglich? Wenn Jenny Holzer den Schriftzug der
Bitte "Protect me from what i want" zum ästhetischen Objekt
erhebt, reflektiert sie bereits ironisch, aber durchaus ernst zu
nehmend, wie das ist, mit dem Begehren und seinen
Vorhanden-Seins-Weisen. Wir sind der Meinung, dass die
unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen herausgefordert
sind, ihre Techniken, Methoden und Theorien im Hinblick auf
unterschiedliche Register von Populärkulturkompetenzen zur
Verfügung zu stellen. Dies weniger, um eine
›unaufgeklärte‹ Gesellschaft bzw. naive
KollegInnen davor zu schützen, was sie (nicht sehen) wollen.
Als wesentliche Voraussetzung einer solchen Kompetenz erachten wir
die Fähigkeit, den Genuss zu erleben, das zum
Genussversprechen mutierte Gebrauchswertversprechen, die
zeitgenössischen Erscheinungsweisen des
populärkulturellen Phänomens "Werbung" zu
genießen.
Diese vor einem Jahr gegründete Zeitschrift
will nicht nur wissenschaftlich etwas wagen und herausfordern. Wir
sind auch um institutionelle und pragmatische Innovation
bemüht. Wir sprechen mit unserer Interpretation des Genres der
"redaktionellen Anzeige" eine synergetische Schnittstelle zwischen
Kulturwissenschaft und Wirtschaft an: Uns interessiert die Werbung
- als diskursive Strategie, als kreatives Feld, als
avantgardistischer Brain-Pool, als ästhetisches Faktum. Und
uns interessieren jene Kampagnen, die uns gefallen. Deshalb unser
Angebot an Unternehmen und Organisationen, ihre Kampagnen in einem
z. B. kulturwissenschaftlichen Essay (ca. zehn Seiten)
vorzustellen. Damit es ein Ende habe mit der ghettoisierenden
Repräsentation der Finanzpartner - auf guten oder schlechten
Seiten, zu billigen oder teuren Sendezeiten. Dabei spüren wir
den Affinitäten zwischen ›neuem Produkt‹ und
›neuem Thema‹ nach. Hätten dies im Fall von
"Fallen" gern für vw gemacht und den Phaeton. Gerade
nicht, weil der Halbgott aus der griechischen Mythologie einen
kosmischen Unfall auslöste und auf die Erde stürzte, als
er den Sonnenwagen seines Vaters Helios ungestüm übers
Firmament lenkte. Das wissen ohnehin alle - und (vielleicht zum
Ärger von vw) die meisten nicht mehr als das. So wurde auf
Radio 3 am 18.7.2002 die sinfonische Dichtung Phaeton von
Camille Saint-Saens mit Verweis auf den Mythos und den
vw-Phaeton anmoderiert. Dabei war der Phaeton (bitte
das "n" nicht aussprechen) bereits im 19. Jahrhundert ein
vw-Automobil. Inbegriff von Sicherheit und Eleganz. Diesen neuen
Stern am Automobilhimmel hätten wir gern in der
Wissenschaftswelt aufgehen sehen. Man hätte einiges sagen
können, sowohl zum Reiz des N(n)euen (Automobils) als auch zur
Problematik mit den Fallbeispielen. Zum Beispiel auch, dass das
Absurde im erheblichen Ausmaß gesellschaftsfähig,
attraktiv und vermarktbar geworden ist. Dank der Werbung. Und der
Stilsicherheit der VW-Werbeleute. "Die Sonne schien, da sie keine
andere Wahl hatte, auf das Nichts des Neuen", wird Samuel Becketts
"Murphy" in einer Kolumne der Süddeutschen Zeitung
zitiert, die auch den Phaeton erwähnt. Nicht nur den
coolen Sonnengottsohn, auch das neue Luxusautomobil aus
Wolfsburg.
Auf diese Weise versucht Plurale, Werbung und
WerbemacherInnen zu verstehen. Sie haben sich wissenschaftliche
Aufmerksamkeit u. a. aus ästhetischen,
kommunikationstheoretischen, sprachanalytischen, diskurskritischen,
medienwissenschaftlichen, ja philosophischen und literarischen
Gründen verdient. Und wir fühlen uns kompetent, die
Lesarten und Beobachtung unserer Aufmerksamkeit dafür zu
erklären und zu kommunizieren. Und begleichen mit dem
Anzeigenhonorar die Druckkosten für Plurale. Auf jeden
Fall erachten wir es als eine reizvolle Herausforderung, die
Entwicklungen in den Kampagnen-Genres nicht aus den Augen zu
verlieren. Es könnten sich dabei ja auch neue methodische
Ansätze entwickeln, die irgendwann nicht mehr nur für die
"ProduktanalytikerInnen" in den universitären Locations von
Interesse sein werden.
Quelle: PLURALE 1 (2002), 175–181
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