PLURALE. Zeitschrift für Denkversionen
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Plurale. Zeitschrift für Denkversionen
New Multidisciplinary Journal
As anything and anyone in sciences, this new journal takes a risk. Founded by a group of philologues, it aims to transcends traditional borderlines of disciplines, doing so in sense that could not be called traditionally "interdisciplinary". "Plurale. Zeitschrift für Denkversionen" (~PLURALS. Journal for Ways of Thinking) gathers contributions from various disciplines under changing thematic focusses. Thus, "Surfaces" (0/2001) is discussed by physicians as well as by philosophers. 1/2002 will focus on "FALLING". Language: German. (Announcement ID: 129995)
Quelle: Humanities and Social Sciences Online vom 17. März 2002.
(http://h-net.org)



Der Tiefe eins gewischt
Die neue Zeitschrift "Plurale" feiert die Oberflächen
Oberflächen haben keinen guten Ruf. Sie sind - naturgemäß - oberflächlich, stehen im Verdacht des schönen Scheins und sind damit moralisch höchst bedenklich. Erst Mitte des 19. Jahrhunderts begann eine vorsichtige Anerkennung der Oberfläche, davon zeugen die Schriften von Baudelaire, von Oscar Wilde und Max Beerbohm. Masken, Schleier und Schminke wurden wichtige Utensilien, denn sie deuteten an, dass sich unter oder hinter der Oberfläche etwas verbirgt.
Eine neue Zeitschrift, herausgegeben von vier jungen Wissenschaftler/ innen der Berliner Universitäten, widmet sich in ihrem ersten Heft ausschließlich der Oberfläche. Plurale heißt das neue Journal, und die Pluralität meint zum einen die immer wechselnde Thematik der Hefte, zum anderen den interdisziplinären Ansatz. Als "Fachzeitschrift für Dedisziplinierung" kündigt es sich im Editorial an, mit dem Ziel, "die Potentiale der eigenen Disziplin zu nutzen, sich selbst und andere aus der Ruhe zu bringen".
Ob es überhaupt möglich ist, jemanden mit wissenschaftlichen Texten, zumal aus den Geistes- und Kulturwissenschaften, aus der Ruhe zu bringen, bleibt dahingestellt. Plural aber ist die Zeitschrift auf jeden Fall: Die Medien-, Kunst-, Musik- und Literaturwissenschaften melden sich zu Wort, Slavistik und Germanistik, Physik und Philosophie. Und sie alle haben etwas zu sagen zur Oberfläche als Anderes der Tiefe, als Grenze und Membran, als Versprechen und Geheimnis.
Die Mode und die Haut sind vielleicht die augenscheinlichsten Oberflächen. Hans-Georg von Arburg zeigt am Beispiel der kunsttheoretischen Schriften Gottfried Sempers, wie die Oberfläche ab 1850 in einem Konnex von Ästhetik, Architektur und Mode an Bedeutung gewann. Doch, so von Arburgs Fazit, "bis zu den ästhetischen und gesellschaftlichen Heilsversprechen, die die Postmodernen der Oberflächenartistik der Mode von heute aufhalsen, ist es noch ein weiter Weg". Brian Poole geht in seiner Kulturgeschichte der Allergie den somatischen und psychischen Assoziationen des "Großstadtphänomens" Allergie nach, der "Krankheit der Klugen". In der Kunst wird die Oberfläche vor allem in Form des Ornaments augenscheinlich: Syrinx Hees verteidigt die islamische Kunst vor dem Vorwurf, als bloßes Ornament unbewusst, beliebig und den Gegenständen unangemessen zu sein - mit diesen Argumenten hat die westliche Kunstgeschichte islamische Kunst als "bedeutungslosen Flächendekor" jahrhundertelang abgewertet.
Die Oberfläche, darin sind die Beiträge sich einig, ist ein positiver Wert - sei es, weil sie zur "transgressiven Erweiterung", "zu Perforation, Transparenzen und Reliefstrukturen" einlädt, sei es, weil die Spannung zwischen Mythos = Tiefe und Ornament = Oberfläche das Funktionieren des Mythos sichtbar werden lässt (so Winfred Pauleit in seiner Analyse von Tom Tykwers Dekonstruktion des Lola- und Sissi-Mythos).
Gesponsert wurde diese erste Nummer der Plurale unter anderem von jemandem, dem Oberflächen ganz besonders am Herzen liegen: von der Berliner Stadtreinigung. Zum Dank gibt es auch einen Artikel über die Sauberkeitskampagne der BSR. Darin zeigt Mirjam Goller, dass zumindest die BSR der Meinung ist, jenseits der Oberfläche gäbe es gar nichts: "Es gibt, so vermitteln die Internetseiten der BSR, kein Jenseits der gewischten Stadtoberflächen. Da wird nichts in andere Sphären verschoben, sondern es wird fachgerecht entsorgt."
SCHAMMA SCHAHADAT
Plurale. Zeitschrift für Denkversionen. Heft 0: Oberflächen. Herausgegeben von Mirjam Goller, Guido Heldt, Brigitte Obermayr, Susanne Strätling. Berlin 2001. 287 Seiten. Einzelheft 15 Euro, im Abo 12 Euro.
Quelle: Süddeutsche Zeitung vom Samstag, den 3. August 2002, S. 14.




Oberflächen - PLURALE. ZEITSCHRIFT FÜR DENKVERSIONEN 0 (2001)
Wenn man wirklich Ernst macht mit der Überwindung des Subjekts als zentraler Instanz des Wissens, eröffnen sich für die Wahrnehmung der Welt neue Dimensionen, die bislang unbekannt bleiben mußten. In der neu gegründeten Zeitschrift Plurale ist eine im besten Sinne ›postmoderne‹ Haltung am Werk, mit der hier transdisziplinäre Ausflüge in das immer wieder unbekannte Land möglicher Erkenntnis veranstaltet werden. In der Nullnummer mit dem Thema Oberflächen wird ersichtlich, wie ein solches Projekt sich gestalten könnte. Im Verhältnis von Oberfläche und Tiefe/Dimensionalität zeigt sich in actu, dass Plurale sich "kein Programm auf seine Fahnen" schreibt, sondern "im positivsten Sinne des Wortes leer" (5) ist. Durch diese Leere im Zentrum der Erkenntnis will man die im akademischen Milieu üblichen "Gesten der Souveränität, die gepanzerten Auftritte der Metierbeherrschung" aufgeben (5). Schon der Titel der Zeitschrift versucht sich an diesem ehrgeizigen Anspruch. Erscheint das Wort Plurale zunächst wie eine lautliche Anspielung auf Festivals wie ›Biennale‹ oder ›Berlinale‹, wird auf den zweiten (oder dritten) Blick klar, dass es sich eher um einen unmöglichen (und doch vollzogenen) Plural handelt - Plurale eben.
Was es mit den Oberflächen auf sich hat, demonstriert zunächst der Beitrag von Winfried Paulet. In der Analyse der Kinofilme Lola rennt und Der Krieger und die Kaiserin von Tom Tykwer zeigt sich die Bedeutung von Oberflächen als Infragestellung überkommener Vorstellungen von Tiefe. Tykwers Filme als "reine Oberflächen" (14) de(kon)struieren historische Bewußtseinslagen wie Nachkriegsrestauration und ästhetische Fetischisierungen, indem sie Dynamisierungen bewerkstelligen und sich damit selbst schwerelos, unverortbar machen. Die Oberfläche wird in der Gegenwart zu einer Totalität, die keine festen Bedeutungen mehr anerkennt. ›Oberfläche offensiv‹ könnte daher das Motto über Tykwers Filmarbeiten lauten.
Chancen und Risiken der Oberflächigkeit/Oberflächlichkeit verdeutlicht der Aufsatz von Guido Heldt. In einer Analyse der Filmmusik von Spiel mir das Lied vom Tod zeigt Heldt, dass in der präzisen Koordinierung von Musik und Filmfiguren ein klangfarbliches Schillern der Oberfläche erzeugt wird, das eine nahezu perfekte Abbildung des Filmthemas (Kritik der Eroberung des amerikanischen Westens) performativ zum Ausdruck bringt. Diese Stärke des Films ist aber zugleich seine Schwäche. Die Musik ist durch ihre Präzision jeglicher Bewegungsfreiheit beraubt. Der Film erlaubt keinerlei alternative Sichtweise zu der von Leone/Morricone. Die Oberfläche wird zum Sinnkerker.
Dass Oberfläche notwendig ein Relationsbegriff ist, wird deutlich, wenn man Hans-Georg von Arburg auf seinem Weg zur ästhetischen Theorie Gottfried Sempers folgt. Semper etablierte in der Mitte des 19. Jahrhunderts die Architektur als Vorreiterin einer Ästhetik der Oberfläche. Das Prinzip der Bekleidung, das einen Übergang vom klassizistisch inspirierten Ideal der Statik zu einem Primat der Oberfläche markiert, stiftete damit zugleich einen theoretischen Zusammenhang von Architektur und Mode. Sempers ›Kleider(bau)kunst‹, so der Titel des Beitrags, rückt das "ideelle Äußere ins Zentrum der Kunstbetrachtung" (60). Diese "kopernikanische Wende" (60) markiert die Abkehr von der Suche nach Tiefe und Wahrheit oder besser: setzt Tiefe in einen klaren referentiellen Bezug zum sichtbar Oberflächigen. Damit ist Sempers Ästhetik zugleich unterschieden von der gegenwärtigen "Affirmation der Oberfläche" (53), da bei ihm Oberfläche und Tiefe nur zusammen gedacht werden können.
Es folgt ein weiter Sprung in die mittelalterliche islamische Kunst. Syrinx Hees thematisiert das hartnäckige Vorurteil, islamische Kunst sei bedeutungslose Ornamentalkunst. Anhand von neun Beispielen wird gezeigt, dass die verbreitete Sicht auf das bloß Arabeske dieser Kunst auf falschen, vom okzidentalen Vertrauen in die "reine Form als ästhetischem Ideal" (72) getragenen, Beobachtungen fußt. Eine genauere Beschreibung von Architektur und Gebrauchsgegenständen führt vor Augen, dass das Ornament hier die sachlichen, funktionalen und symbolischen Formen des Gegenstandes definiert und unterstützt. Der konstitutive Zusammenhang von Oberfläche und Tiefe/Dimension ist evident.
Die Vorurteile gegen das Ornament als einer oberflächlichen Beigabe zum ›Eigentlichen‹ wurden schon früh konterkariert durch abweichende Entwicklungen in der Literatur und der Rhetorik. In der slawischen Philologie, die sich "im Spannungsfeld unterschiedlicher Kulturen" (93) bewegt, existiert bereits lange der Begriff der ornamentalen Prosa, bei der mit Hilfe von Mehrfachkodierungen das Wort Sinn in einen zwar denk-, aber im Deutschen nicht ausdrückbaren Plural versetzt wird. Der Aufsatztitel Der Sinn und die Sinne in ornamentalem Erzählen von Petra Hesse erhält durch diesen Gedanken eine schönen Doppelbedeutung, die am Beispiel von Dževad Karahasans Roman Östlicher Diwan (Sarajevo 1989) vorgeführt wird. Über die erzählten Geschichten wird die durchgehende Fabel von der Suche nach dem Einen gelegt. Dadurch wirken im Text strukturelle Spannungen, welche das Verhältnis von Sinn (Suche nach dem einen Prinzip/Gott) und Sinnen (Wahrnehmung der sinnlich faßbaren Welt und damit der Pluralität von Sinn) abbilden. Was im Erzählen scheinbar nur Ornament ist, wird hier zum Komplement der Idee der Einheit: das Gespür für die Vielheit von Sinn(en), die sich in der Gestaltung von textuellen Oberflächen zeigt.
Der Konjunktur einer Suche nach einer Materialität der sprachlichen Zeichen setzt Susanne Strätling die "Herausstellung der selbstwertigen visuellen Präsenz" (108) des Zeichenmaterials entgegen, um den "Status von Oberflächen" (107) zu beleuchten. Durch die Einbeziehung der Fläche, auf die das Zeichen aufgetragen wird, in die Analyse der Gestaltung von Text/Kunst ereignet sich ein sensorisches Verzögern von Zeichenhaftigkeit und Materialität, in denen die Autorin zu Recht hermeneutische Restbestände wittert. An den Beispielen der Kunst von El Lissitzky und Carlfriedrich Claus‹ wird gezeigt, dass dem Auftrag von Schrift oder Zeichen auf eine Fläche bereits die "immanente Potenz zur transgressiven Erweiterung und immaterialisierenden Auflösung der Flächen als Oberflächen" (111) innewohnt. Durch Belichtungsstrategien und Schrift-/Schreibtaktiken weiten beide Künstler das Blatt zur einer "imaginären Räumlichkeit" (111) aus, welche von Licht und Bewegung lebt und nicht von Raum und Materialität. Diese "energetische Dematerialisierung" (115) von Schrift und Fläche befreit die Oberfläche von ihrem Status des Ephemeren, bloß medial Nützlichen und macht sie zu einem konstitutiven Bestandteil von ›Gehalt‹.
Dass es Oberflächen eigentlich gar nicht gibt, ist ein Befund, der durch den Beitrag von Michael Gottfried auch naturwissenschaftlich bestätigt wird. Von Oberflächen kann genau genommen nur geredet werden, wenn man von zwei Umständen absieht. Zum einen ist eine Begrenztheit von Körpern quantentheoretisch nicht gegeben. Zum anderen existiert die Grenze von Körpern nur als unbestimmbare Grenzzone, in der Teilchen des Körpers und der ihn umgebenden Welt in stetem Austausch stehen. ›Wahre‹ Oberflächen können nur unter Bedingungen des Vakuums erzeugt werden und sind daher irreal. Mit der Rastertunnelmikroskopie ist in der physikalischen Chemie ein Verfahren entwickelt worden, mit dem man die komplexen Vorgänge von Adsorption und Desorption an Körperoberflächen untersuchen kann. Wenn man die szientifisch erwiesene Virtualität der Oberfläche ernst nimmt, stehen im Grunde alle geisteswissenschaftlichen Untersuchungen unter dem Vorbehalt eines ›als ob‹.
Das gibt freilich Anlaß zu philosophischen Spekulationen, welche im Text von Henning Teschke prompt erfolgen. Die "Indeterminationen der sichtbaren Oberfläche machen ihre Unendlichkeit aus" (160), und ihre Betrachtung führt mithin zu einem "Exzeß an Gegenwart" (160), der den Versuch einer Rehabilitierung der Metaphysik nahelegt. In einem Exerzitium über Unendlichkeit zeichnet Teschke die Genealogie des Cogito im Verhältnis von Physik und Metaphysik nach und offenbart damit das (heute) residual Metaphysische im menschlichen Bewußtsein als konstitutives Element. Die Opposition Oberfläche (Metaphysik, Spekulation)/Tiefe (Physik, Evidenz) erweist sich damit ein weiteres Mal als wenig fruchtbar.
Der Zusammenhang einer Kulturgeschichte der Allergie (Brian Poole) mit der Thematik Oberflächen ist eher metaphorisch, aber durchaus im Sinne von Plurale. Der menschliche Körper ist eine Oberfläche, die unausgesetzt mit Umwelteinflüssen konfrontiert wird. Diese Einflüsse dringen in eine Tiefe vor, die als solche nicht existiert, und lassen den Körper ganz in der Oberfläche eines allergenen, pathologisch anfälligen Seins aufgehen, das in den verschränkten Kategorien ›Immunität‹ und ›Allergie‹ die Differenz seiner Einheit findet.
Brigitte Obermayr wirft dann eine zunächst oberflächlich anmutende Frage auf: "Warum man wissenschaftlich tut - schreibt, spricht, arbeitet (239)." Im Verfolg dieser Frage deckt die Autorin einige gängige Mißverständnisse auf - die Verwechslung von Philosophie und Sex(ualität), die Trennung von Wissenschaft und Denken, die romantische Illusion wissenschaftlicher Einsamkeit. Dabei treibt sie weit hinaus aufs Deleuzianische Zitatenmeer, um (ihre) Erfahrung nachvollziehbar zu machen: "Vielleicht eine Art Erfahrung. Der Haltlosigkeit. Auf allen Ebenen. Von Anfang an" (248) - ein sympathischer Versuch der Dissemination und des Eulentragens nach Athen.
Am Ende präsentiert Mirjam Goller die Analyse einer Werbekampagne der Berliner Stadtreinigungsbetriebe (BSR). In jeder Ausgabe der Zeitschrift soll es künftig einen Essay zu Imagekampagnen des jeweiligen Sponsors geben - eine gewitzte Art der Mittelakquise. Im Fall der sehr populären BSR-Kampagne, die 1999 erfunden wurde, soll der Müll von einer Position "jenseits von Begehren" (251) in eine Lage wenn schon nicht im Zentrum, so doch diesseits des Begehrens geführt werden. "Es gibt kein Jenseits der gewischten Stadtoberfläche" (258). Entsorgtsein bedeutet Versorgtsein bedeutet Sorglossein. Die Apologie der Oberfläche, die einen 280 kluge Seiten lang begleitet hat, wird hier zur ironischen Kippfigur und spiegelt damit ihr Verhältnis zur Tiefe ins Unendliche.
Quelle: Ästhetik und Kommunikation, Heft 120, Frühjahr 2003




Wildes Denken
In ihrer Zeitschrift "Plurale" sprengen Berliner Nachwuchswissenschaftler die Fächergrenzen
Mit wissenschaftlichen Zeitschriften verhält es sich wie mit der Sage vom Schlaraffenland. Man möchte ja gerne glauben, dass in ihnen der Wein der Wahrheit in Strömen fließt und Früchte der Weisheit wie gebratene Tauben dem Erkenntnishungrigen in den Mund fliegen. Doch zuvor müsste man sich durch eine Pflaumenmusmauer aus Fachchinesisch und Gelehrtenstreit hindurchfressen. So lässt man es lieber bleiben. Auch innerhalb des Wissenschaftsbetriebs klagen immer mehr Beteiligte über übertriebene Ausdifferenzierung und Arbeitsteilung: Spezialisten folgen blind ihren Forschungsprogrammen, ohne danach zu schielen, was in den Nachbardisziplinen geschieht. Die viel beschworene Interdisziplinarität ist mehr Forderung als Praxis
Dem will eine Neugründung abhelfen. "Plurale" heißt die Halbjahresschrift, die von drei Berliner Nachwuchswissenschaftlern herausgegeben wird und die bislang in zwei Nummern vorliegt. Diese "Zeitschrift für Denkversionen" ist aus zwei Gründen bemerkenswert: Sie erhebt die radikale Vielfalt zum Prinzip. Und angesichts leerer öffentlicher Kassen buhlt sie nicht um Subventionen, sondern lässt sich von Sponsoren aus der Wirtschaft finanzieren. Dem Mäzen der jeweiligen Ausgabe ist ein eigener Beitrag gewidmet.
"Unser Magazin für De-Disziplinierung unterläuft die starren Grenzen der Fächereinteilung. Produktive Verunsicherung ist unser Ziel: Die einzelnen Fächer sollen sich öffnen für andere Themen und Terminologien", erklärt Mitherausgeberin Mirjam Goller, im Hauptberuf HU-Juniorprofessorin, das Konzept. Wildes Denken, aber mit akademischem Anspruch: Alle Artikel werden von Fachleuten gegengelesen, um Dilettantismus auszuschließen. Dabei kreist jedes taschenbuchstarke Heft um einen Zentralbegriff. Die Nullnummer war "Oberflächen" gewidmet, die aus einem Dutzend Blickwinkeln betrachtet wurden. Michael Gottfried wies nach, dass es im streng physikalischen Sinn keine Oberflächen gibt, sondern nur Austauschprozesse. Syrinx Hees verwarf die westliche Deutung, islamische Arabesken seien "oberflächliche Ornamentalkunst", selbst als oberflächlich. Hans-Georg von Arburg zeichnete nach, wie Gottfried Sempers Architekturtheorie die Fassade aufwertete.
Die zweite Ausgabe beschäftigt sich mit dem Phänomen des "Fallens". Joachim Jäger beschreibt das Werk des Künstlers Roman Signer, der Gegenstände stürzen lässt, die beim Aufprall Zufallsskulpturen formen. Matthias Flatscher rehabilitiert das Räsonieren in Fallbeispielen beim späten Wittgenstein gegen den Zwang zu konsistenter Theoriebildung. Harald Völker führt anhand grammatikalischer Fälle in die Linguistik ein. Das Stichwort, das diese Nummer beherrscht: Polysemie, also Mehrfachbedeutung.
Die Mehrzahl der Autoren kann ihre geistes- oder sprachwissenschaftliche Ausbildung nicht verleugnen. Zudem eint die meisten Verfasser eine gemeinsame Lektüreerfahrung: Sie haben ihren Foucault, Derrida und Deleuze allzu rauschhaft gelesen und mühen sich nun, den Jargon der französischen Denker zu kopieren.
Mit den Finessen des Poststrukturalismus unvertraute Leser haben es bei dieser Expedition in die Wunderwelt des Wissens nicht immer leicht.
Oliver Heilwagen
"Plurale", Heft 1: "Fallen". 216 Seiten, 15 Euro. Heft 2: "Natur" erscheint im Juli. Die Zeitschrift ist zu bestellen beim Institut für Slawistik, Humboldt-Universität, Unter den Linden 6, 10099 Berlin.
Die Zeitschrift im Internet:
www.plurale-zeitschriftfuerdenkversionen.de
Quelle: Der Tagesspiegel vom 13. 06. 2003